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grosze Perioden. Doch S. 43 heiszt es wieder: fund national volksthümlich wird diese Betriebsamkeit nun in einer Zeit, welche in Folge eines gröszern Reichthums von Verhältnissen und Bestrebungen jeder Art jene Keime einer individualisierenden plastischen Gestaltung zur Blüte und Reife brachte, welche schon bei den ersten staatlichen Einrichtungen mitgewirkt hatten, d. h. in einer Zeit, welche in jeder Beziehung den schrankenlosesten Egoismus förderte; nimmt man hiezu die frivole Rücksichtslosigkeit, geniale Unordnung und eitle Selbstüberhebung, welche im griechischen Charakter liegen, so erklärt es sich wol, dasz eine Doctrin usw. --in reichem Masze auf das Volk wirkte; denn auszerdem wäre das Factum kaum verständlich, dasz eine ganze Nation einige Jahrzehnte hindurch die leerste und hohlste Bethätigung einer blosz formellen Virtuosität geduldig anhörte, wie überhaupt alle Milde in Beurtheilung einer Nation aufgeboten werden musz, welche einen Menschen wie Isokrates ertragen und dessen Reden anhören konnte.' Also wäre die Sophistik nur aus den schlechten Eigenschaften des griechischen Volkscharakters zu erklären ohne Bezug auf die Entwicklung der Philosophie selbst. Aber gerade die Zeit in welcher sie auftritt ist gar keine Zeit des schrankenlosesten Egoismus, wie Hr. P. im Gegensatz zu sich selbst sagt (s. o.), sondern das Zeitalter des Perikles ! Wäre es so, so wäre bei den habituellen Eigenschaften des griechischen Volks nur zu verwundern dasz diese Phase doch auch überwunden ward. Wie man gar von einer genialen Unordnung' des griechischen Charakters reden kann, ist mir ganz unbegreiflich geblieben. Die mitleidige Groszmut, die Hr. P. für die arme griechische Nation an den Tag legt, ist, des frenen wir uns, nur allzu unnöthig, denn Isokrates wird für niemanden der Maszstab der geistigen Erzeugnisse des griechischen Volks, auch ihres denkens und lebens nicht sein! Noch zwei Beispiele erlaube ich mir aus diesem Capitel anzuführen, um zu zeigen wie vortrefflich Hr. P. die Gelegenheiten zu treffenden’ Seitenhieben zu benutzen weisz. S. 44 unten heiszt es : 'und in dieser wolberechneten Praxis und logischen Hinterlist, welche auf die Kurzsichtigkeit des Pöbels ihre Rechnung setzt und hierin würdige Nachfolger an manchen Leuten, welche vor dem Namen der Sophistik sonst ein Kreuz zu schlagen pflegen, gefunden hat' usw. Ferner S. 45: die Sophisten machen eben nur die Unbekümmertheit um das factisch bestehende zum Princip selbst und sprechen hiermit nur etwas handgreiflicher dasjenige aus, was seinerseits auch erforderlich war, um die platonischen zehn Bücher der Republik zu schreiben.' Darin ist, denke ich, doch ein gewaltiger und handgreiflicher Unterschied! In ähnlicher Weise wurde auch S. 44 nebenbei die formale Logik abgefertigt. Nun ist es freilich eine Streitfrage der Wissenschaft, ob die formale Logik berechtigt sei oder nicht, und niemand ist es zu verargen wenn er sich wissenschaftlich gegen sie ausspricht; darum aber ist es doch nicht erlaubt und der Wissen

schaft unwürdig, ihr in einem Büchlein ganz heterogenen Inhalts wie man sagt eins anzuhängen!

Da Hr. P. die Bedeutung der Sophistik in der Entwicklung der griechischen Philosophie nicht zu erkennen vermochte und darum in seine eigne Entwicklung eine Lücke gebracht hatte, so bedurfte er eines Genies, das nun den Faden wieder von neuem anknüpfte den er selbst verloren hatte. Dies · Genie' ist Sokrates. Was Genie sei, lehrt eine lange Periode, für die wol auch der tüchtige Schwimmer noch zu suchen sein wird. Mein Begriff von Genie stimmt mit meiner Anschauung von Sokrates nicht. Sollte er auch wirklich diese Bezeichnung mehr verdienen als Herakleitos, Parmenides, Platon, Aristoteles ? Einzelne geniale d. i. schöpferische Gedanken machen noch kein Genie. Sokrates ist vielmehr Persönlichkeit und seine ganze Wirksamkeit beruht auf seinem persönlichen Wesen, in welchem alles gedachte unmittelbar zum eignen Lebensinhalt, zur That werden muste. Aus diesem Abschnitt hebe ich einen Satz hervor, welcher wenigstens beweisen soll, wie wenig Hr. P. in seiner Darstellungsweise die Bedürfnisse eines gröszern Publicums berücksichtigt hat, ein Satz mit dessen Inhalt ich mich übrigens auch nicht einverstanden erklären könnte. S. 54 heiszt es: geführt von einer unerschütterlichen Ueberzeugung vom unbedingten Werthe des allgemeinen erfüllte Sokrates den formalen Umkreis der Denkthätigkeit mit dem vollen Inhalt des Subjects, indem bei der Verwirklichung des erkenne dich selbst' Inhalt, Gegenstand und Product zu ihrer je entsprechenden Identität mit Form, Subject and Kraft geführt werden.' S. 50 hat sich eine historische Unrichtigkeit eingeschlichen, die ich nur darum erwähne, weil auch der Schlusz der daraus gezogen wird zu beschränken sein wird. Hr. P. sagt nemlich: Sokrates sei nur zweimal während seines Lebens in der Volksversammlung gewesen. Nach athenischen Gesetzen war das so gut wie unmöglich, gewis auch nach den Grundsätzen des Sokrates. Diese Angabe bezieht sich auf Platons Apol. p. 32; aber dort redet Sokrates nur von einer activen Betheiligung am öffentlichen Leben durch Theilnahme an öffentlichen Aemtern Im ersten Fall seiner Theilnahme war er Prytan, im zweiten, bei der Verurtheilung des Leon, wurde gar nicht einmal eine Volksversammlung gehalten. - Eine Auswahl gar schön klingender Kraftwörter bietet ein Satz auf S. 61: 'es versteht sich von selbst (?) dasz diese Verurtheilung des Sokrates nur ein Act fanatischer Leidenschaft war, welche sich selbst nicht mehr mit der Ausübung des frivolen Ostracismus begnügte, sondern in blutrünstiger Mordsucht einen bornierten Hasz befriedigen wollte. Man lese diese Seite weiter und der komische Erfolg, den der Contrast zwischen Inhalt und Form zu heben pflegt, wird auch hier nicht ausbleiben. Ich kann mich freilich nur auf die Mittheilung weniger Einzelheiten beschränken; sie genügen aber wol um Zeugnis abzulegen für mein oben ausgesprochenes Urtheil. Nur etwa für die schielende Darstellungsweise des Hrn. P. musz ich ein besonderes Beispiel schuldig bleiben, weil

diese am stärksten in einer längern Entwicklung hervortritt. Aber im Grund durchzieht sie das ganze Buch und man beliebe nur aufzuschlagen. Ich habe eben gerade S. 80 vor mir aufgeschlagen und kann sie zu diesem Behuf empfehlen.

Noch weniger als das voraufgehende hat mich die Darstellung des platonischen Systems befriedigen können. Wie sollte auch ein Mann zu einem Verständnis Platons gelangen können, der sich über den Timaeos folgendes Urtheil zu gute hält (S. 96): bierbei werden wir allerdings sehr stark daran erinnert, dasz der Timaeos nur ein verständiges Spiel sei, denn wenn Kinder spielen, kann es gewis sehr liebenswürdig sein, wenn sie aber ihr Getändel zu kosmischen Principien machen wollen, so hört das Interesse der Kindlichkeit auf, ohne dasz das der Philosophie anfange, sondern eher vielleicht das einer Carricatur der Wissenschaft. Also so geistreiche' Urtheile wagt man als Resultate der Wissenschaft auszugeben und den gebildeten unseres Volks darzubieten! Mag freilich die Wissenschaft unserer Tage den Vortheil einer bessern Naturkenntnis voraus haben, so weisz sie doch auch welche Achtung sie den Ansichten der alten schuldig ist und dasz sie noch viel, ja viel zu thun übrig hat, um zu einem gereiften Urtheile über den platonischen Timaeos fähig zu werden, und wird solche Urtheile nie zu den ihrigen machen, welche ohne Rücksicht auf den speculativen Inhalt des Dialogs in der Sicherheit eigner Selbstüberschätzung sich an Einzelheiten des empirischen Apparats anklammern! So kann von einer Bewältigung der platonischen Weltanschauung keine Rede sein. Hr. P. bleibt in der Entwicklung derselben ins einzelne selbst hinter sich zurück und befriedigt die Erwartungen nicht, die man aus S 76: ' die Grundanschauung' USW. schöpfen könnte. Das eigentlich platonische wird von den ReRexionen des Hrn. P. stets wieder in den Hintergrund gedrängt. Er scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, selbständig über platonische Philosophie zu philosophieren. Ein sehr hoher Standpunkt! dem es leider an der gediegenen Unterlage feblt. Bald wird das platonische ultriert ausgelegt, wie wenn es $. 77 heiszt: 'der Trieb nach Erkenntnis und dem ansichseienden müsse den Charakter eines sehnsüchtigen strebens erhalten, welches einerseits seiner Thatkraft nicht reflexiv bewust wird, sondern in der Gefühlssphaere bleibt und andrerseits die reale Gegenständlichkeit für diese Thatkraft aus den Augen verliert und nur das überirdische genieszen will.' Bald werden, wie auch in diesem Satze schon, Anklänge an die verschiedensten Dinge zu gleicher Zeit angeschlagen, und nebensächliches und Hauptsachen untereinander gemengt, z. B. S. 78, bald werden, ohne dasz es merkbar gemacht würde, zwischen die Mittheilung der Ansichten Platons Erörterungen über die Sache selbst der Art eingeschoben, dasz man zuletzt nicht mehr weisz wovon denn eigentlich die Rede ist und was Platon, was Prantl angehört, z. B. S. 80. Bald wird polemisiert gegen platonische Ansichten von unplatonischem Standpunkt aus, wie S. 90 gegen die Ideenlehre, deren geringe Bedeutung für die Logik er hervorhebt (so wird hier zum Maszstab des Urtheils gemacht, was · S. 44 verworfen wurde); oder die Polemik geht auf einzelne Resultate ohne die bewegende Kraft die sie hervorrief richtig zu erkennen, wie s. 104 gegen den platonischen Staat, in welchem sich die ganze leichtfertige Zuversicht der Griechen im principienmachen' offenbaren soll - wie denn nach S. 105 dieser doctrinäre Politismus als eine Frucht des allgemein griechischen Leichtsinns der Theorie erscheint, welche blind und taub gegen das factische sich in die 'plastische Form' verrennt! Dabei fehlt es auch nicht an versteckten oder offenen Angriffen gegen die neueren Platoniker, von denen Hr. P. die Besorgnis zu hegen scheint, sie möchten die platonische Ideologie wieder zur Herschaft zu bringen suchen, so S. 70. 71. 90. Mag er Recht haben oder nicht, seiner Darstellung des platonischen Systems nützt er damit keineswegs, gerade darum nicht weil auch der moderne

Neuplatonismus' mit Platon selbst nur sehr wenig gemein haben könnte. Alle die mitgetheilten Schwächen der Darstellung des Hrn. P. gehen aus einer Verkennung des eigentlichen Grundcharakters der platonischen Philosophie hervor. Platon ist, wenn ich denn einmal modern reden soll, nicht Idealist, sondern im Gegentheil Realist. Denn das macht doch das realistische oder idealistische eines Systems nicht aus, ob darin das wahrhaft seiende Idee heisze oder reales, Monade u. dgl., sondern was darunter verstanden wird und ob sich nun das reale im denken auflöst oder ob das denken sich nach dem selbständig realen bequemen musz. Systeme des Realismus und Idealismus können dem Schein nach ähnlich sehen und doch sind sie innerlich gar verschieden. Hegel und Herbart, die beiden Gegensätze, nehmen gern Platon jeder für seine Seite in Anspruch. Herbart hat zweifelsohne gröszeres Recht. Nur darf man den modernen Begriff in einem antiken System nicht urgieren, sondern thut am besten es der Sache, nicht dem Namen nach zu begreifen. Gerade jenes Vorurtheil aber, dasz Platon Idealist oder Ideologe sei, hat Hrn. P.s Darstellung so viel geschadet. Sein Abscheu vor dem poetischen schauen' und dem Aristokratismus der Intelligenz würde andernfalls nicht so grosz gewesen sein; ja er hätte in Platon nicht blosz den Dichter, sondern vorzugsweise den Philosophen gesehen. Die Grenzen des platonischen Systems wollen wir auch erkennen, aber von positivem und platonischem Boden aus, und nicht von vorn herein ihm vorwerfen was er nicht hat, weil er es nicht haben konnte. Und das warum nicht ist mitzuerkennen! Das ist nur möglich, wenn man die Grundrichtung seines denkens sich klar vor die Seele stellt. — Doch wir müssen dem Schlusz entgegen eilen. Die Darstellung des aristotelischen Systems wäre an sich nicht so übel, nur leidet auch sie an den allgemeinen Mängeln der Behandlungsweise. So möchte ich fragen, ob nicht wirklich zum Verständnis des folgenden Satzes die Kenntnis des ganzen aristotelischen Systems nöthig ist, eines Satzes der einstweilen darauf erst vorbereiten und orientieren soll. S. 115 heiszt es :

aber Aristoteles steht von vorn herein nicht auf dem poetischen schauen oder auf dem unmittelbaren beisammensein der Zweiheit in dem beseelten, sondern er ergreift die Activität des denkens und erkennt nur die thätige Entwicklung an, für welche alles ruhende expansive nur die Geltung eines potenziellen seins hat, während das wahre actuelle sein in dem vollendeten Zwecke der intensiven Verwirklichung beruht' usw. – Auf die Stoiker ist Hr. P. sehr schlimm zu sprechen. Durch die getroffene Auswahl von Extravaganzen aus den Lehren einzelner sucht er auch das Urtheil des Lesers zu befangen. Im abfertigenden urtheilen ist ja überhaupt Hr. P. sehr stark. Bisweilen wagt er sich auch auf Gebiete die er nicht kennt; wie wenn er S. 159 sagt: die grammatische Thätigkeit der Stoiker berührt weniger die Philosophie als leider vielfach die Culturgeschichte der gelehrten Schulen bis in unsere Zeit herab, da die stoische Grammatik das Original der römischen war, diese aber das Material des nachantiken Schulunterrichts wurde, und hiedurch der antike Unverstand in grammatischen Dingen nebst dem ertödtenden Formalismus der Stoiker sich forterbte. An unpassenden Ausdrücken und Anspielungen fehlt es auch hier nicht. Man wird sie mir anzuführen gern erlassen.

So wenig erfreulich die Eindrücke sind welche die Leclüre dieses Buchs in mir zurücklassen muste, so scheide ich doch mit éinem Troste, nemlich dem dasz dieses Buch eine nur kleine Anzahl von Lesern finden werde. Wer es vielleicht in guter Hoffnung mit der Hoffmannschen Sammlung von Uebersetzungen griechischer und römischer Classiker sich anschaffen sollte, wird wol bald genug durch vergebliche Versuche sich durchzuarbeiten von der weitern Lectüre abgeschreckt werden. Das Bedürfnis aber welches Hr. P. befriedigen wollte bleibt, und zu wünschen ist dasz ein Mann, der aus dem Studium des classischen Alterthums auch classischen Geist in sich aufgenommen, die schwere aber dankbare Aufgabe von neuem übernehme. Hanau.

Julius Deuschle.

Kleinere Litteratur der ciceronischen Schriften.

Erster Artikel. Von der verehrlichen Redaction dieser Zeitschrift eingeladen in derselben über ciceronische Programme und Abhandlungen von Zeit zu Zeit Bericht zu erstatten, wird Ref. in diesem ersten Artikel einer Prüfung unterwerfen was über die philosophischen Schriften des Cicero zu seiner Kunde gekommen ist.

(1) Aus diesem Bereich heben wir zunächst hervor die vorzüglichen Beiträge zur Kritik von Ciceros Lucullus von Hrn. Prof. K. F. Her

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