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die Ausbildung jenes Epos eben in die älteren Zeiten der aeolischen Colonien setzen *), so wird wol mit mehr Recht der umgekehrte Schlusz erlaubt sein, dasz auch durch die homerische Anschauung die (durch nichts umgestoszene) Annahme bekräftigt wird dasz jener troische Gebirgsstaat sich gegenüber von den Aeolern noch lange behauptet habe.

Die beiden so eben besprochenen Gegengründe Welckers stehen: auf so schwachen Stützen, dasz man glauben musz, der Widerspruch gegen jene Erklärung rühre weit mehr von ihrer vermeintlichen innern Undenkbarkeit her; und in der That wird diese von Welcker in den stärksten Ausdrücken hervorgehoben: etwas gedichtetes und früheres von solchem Umfang und Zusammenhang an die Stelle von etwas wirklichem und späterem, das doch selbst grosz und denkwürdig war, zu setzen, alle eignen Helden und deren Thaten und Geschicke gänzlich fallen zu lassen und völlig verschiedene zu erfinden, konnte niemand einfallen.' 'Kein Beispiel möchte sein, dasz die Sage eine Begebenheit in die Zeiten der Urväter der wirklichen Helden hinaufrückte, diese mit ihren eignen, weit entfernten Wohnsitzen angehörigen Ahnherren vertauschte' usw. Allein in Wahrheit ist auch eine solche Auffassung der Sache nur ein gänzliches Misverständnis (wobei wir freilich von der Art wie bei Völcker 1. a. jene Erklärung begründet und ausgedrückt sein mag, ganz absehen und uns nur an die Sache selbst halten). Nicht im mindesten davon ist bei jener Erklärung, wenn sie anders richtig gefaszt wird, die Rede, dasz die Sage die eignen Kämpfe der aeolischen Ansiedler in eine frühere Zeit, auf frühere Helden habe hinaufrücken wollen; was wir vielmehr behaupten ist das, dasz die Sage von den siegreichen Kämpfen der homerischen Helden ursprünglich nichts anderes als der (aus der Anschauungsweise jener Zeit) innerlich nothwendige und ganz natürliche Ausdruck für die eignen Kämpfe jener aeolischen Einwanderer selbst gewesen sei und dasz erst durch diese (in Folge des ganzen Zeitbewustseins) noch nothwendig mythische Darstellungsform jener Kämpfe allmählich jene Auffassung entstehen muste, welche dem wirklichen

*) Ohnedies gerade jene Ausführung im 20n Buch der Ilias, welche am meisten und offenkundigsten auf Verherlichung des Aeneas und seines Geschlechts berechnet ist, gehört wol zu den wenigst ursprünglichen Bestandtheilen der Dichtung; denn die man kann nicht anders sagen als reschwätzige und gerade auf dem erwartungsvollen Punkte, wo der Pende zuin erstenmal wieder auftritt, gewis sehr störende Breite, mit welcher namentlich von Vs. 200 an die Abstammung des Aeneas entwickelt wird und von welcher auch der Dichter selbst ein sehr naives Bewustsein zeigt (vgl. besonders Vs. 244–254), dies nebst der ganzen überall hervortretenden Absicht, die Gestalt des Aeneas (und also in ihm den Ruhm des Aeneadengeschlechts) möglichst zu heben, so dasz Vs. 261 ff. selbst der Pelide in einer Weise, die uns zu seiner sonstigen Charakteristik wenig zu passen scheint, vor dem Gegner erschrickt, weist gewis darauf hin, dasz wir hier ein von dem unbefangenen und echt poetischen Geiste der ältern Dichtung schon ziemlich abweichendes späteres Element vor uns haben.

innerlich geschichtlichen Ursprung und Kern dieser mythischen Darstellung schon fern stehend die ganze Sage nun wirklich nur auf jene alten Heroen bezog und sie so in eine frühere Zeit hinaufrückte. Um es noch bestimmter auszudrücken: wir halten den homerischen Sagenkreis, so weit er es unmittelbar mit dem troischen Kriege zu thun hat, ursprünglich nur für die nothwendige religiöse und mythische Form, in welcher das Bewustsein und die Sage der aeolischen Einwanderer ihre eignen Kämpfe darstellen muste, so dasz diese Sage also ursprünglich sich vollkommen bewust war, hierin eben von diesen eignen geschichtlichen Kämpfen zu sprechen, allein im Fortgang der Zeit und zumal in jener schon ungleich entfernteren, in welcher das homerische Epos sich ausbildete, jene mythische Form nicht mehr nach ihrem wirklichen geschichtlichen Kern verständlich war, sondern das geschichtliche Bewustsein überwuchernd und in sich begrabend nur noch als solche, als diese mythische Heroensage sich fortbehauptete. Zugleich sind wir bei dieser Erklärung weit entfernt, alles auf geschichtliche Züge aus den Schicksalen jener Aeoler selbst zurückführen zu wollen, sondern wir glauben (wie dies namentlich z. B. von der Achilleussage gilt) dasz sich eben in Folge der mythischen Form zugleich andere mythische Anschauungen, vor allem solche die eben in jener Gegend schon vorgefunden wurden, mit der Sage von dem Kriege selbst verschmolzen, während endlich das was über den Kreis der Colonistensage selbst hinausgeht, d. h. also die Anschauung von einem allgemein hellenischen sich erst hieraus entwickelte und ebenso die Sage von der Rückkehr der Helden und ihren daran geknüpften Schicksalen erst dann, als die ursprüngliche innere Bedeutung jener erstern Sage schon sich verwischte, nothwendig mit derselben zusammenwuchs und von vor allem von der epischen Dichtung ausgebildet wurde. .

Die allgemeine innere Grundlage für diese so eben ausgesprochene Auffassung ist uns durch die oben erörterte Eigenthümlichkeit der ganzen heroischen Zeit gegeben. Wir können dieser zufolge nicht anders behaupten als dasz die verschiedenen Bestandtheile jener aeolischen Einwanderer in ihren Kämpfen und Siegen das walten ihrer besondern Stammgottheiten und Stammheroen anschauen musten, eben hierin das höhere Bewustsein und die Verherlichung ihrer eignen Geschichte fanden, so dasz dann auch andrerseits die Führer und Häupter der Troer und ihrer verbündeten ursprünglich gleichfalls religiöse Mächte sind. Können wir uns nun anich, wenigstens bei dem jetzigen Stande der Alterthumswissenschaft, nicht anheischig machen an allen Hauptgestalten des troischen Sagenkreises ihre bestimmte mythische Bedeutung nachzuweisen, so kann dies doch theils gerade bei den geistig hervorragendsten und bedeutsamsten geschehen, theils stehen dann diejenigen, deren bestimmtere Deutung sich nach dem jetzigen Stande der Forschung noch nicht nachweisen läszt, nach allen Seiten in einem solchen mythischen Zusammenhange, dasz sie sich für den unbefangenen gleichfalls als mythisch zu erkennen geben.

Dasz Achilleus seiner ursprünglichen Bedeulung nach nichts anderes als ein Stromgott sei, diese Erkenntnis wird allmählich zu einer so ziemlich anerkannten *), und wir können uns daher der Kürze halber enthalten, die von andern schon hervorgehobenen Beweise hiefür zusammenzustellen. Wir weisen nur noch darauf hin dasz, wenn namentlich in dem Culte des dodonaeischen Zeus sich ein besonders hervortretender Zusammenhang mit dem Acheloos, diesem alten Inbegriff der mächtigen und befruchtenden Stromgottheit, und eine ursprüngliche hohe Bedeutung desselben kund gibt, ganz in entsprechender Weise auch Achilleus in der Ilias II 233 ff, sich in besondere Beziehung zu dem dodonaeischen Zeus, diesem Mittelpunkte urhellenischer Religionsanschauung setzt. In der Stellung des Achilleus selbst aber, durch welche er den Mittelpunkt der Ilias einnimmt, haben wir pun ohne Zweifel zwei wesentlich verschiedene Elemente zu unterscheiden, ein im engern Sinne geschichtliches, d. h. der troischen Kriegs- und aeolischen Wanderungssage angehöriges, und ein anderes in eben jener Gegend schon vorgefundenes, das mit den besondern Naturverhältnissen derselben zusammenhängt und in die Anschauungen der alten Naturreligion zurückgreift, also mit der aeolischen Kriegssage sich erst zu einem ganzen verschmolz. Gerade der Zorn des Achilleus nemlich, von welchem die Ilias ausgeht, seine periodische Unthätigkeit und sein Kampf mit Hektor scheinen uns ursprünglich nicht sowol jener aeolischen Kriegssage anzugehören, als vielmehr aus einer schon ältern religiös-mythischen Naturanschauung entsprungen, die in der besondern Natur der troischen Ebene und den alten Culturverhältnissen derselben ihren Grund hat. Wie Achilleus in der Ilias eine von dem übrigen Heer eben so sehr getrennte selbständige Stellung einnimmt, als er andrerseits wieder zu demselben mit gehört, so weist auch dieses Verhältnis auf eine von der übrigen Kriegs. sage ursprünglich getrennte und selbständige ältere Anschauung zurück, so dasz wol auch eben diese besondere und eigenthümliche Verflechtung des Achilleus mit dem religiösen Sagenkreise des troischen Gebietes dazu mitgewirkt hat, ihm in der Sage und Dichtung diese Hauptstelle zu geben. In jener allen Anschauung nun ist Achilleus nichts anderes als der Daemon der stürmenden Flut, welcher zu gewissen Zeiten mit der vereinten Macht der anschwellenden · Meeresströmung und der entgegendrängenden ausgetretenen Flüsse die troische Ebene überschwemmt, in Zeiten der Trockenheit dagegen in Unthätigkeit zurückgedrängt gleichsam grollend und zürnend am rauschenden Meeresufer seine Stimme vernehmen läszt. **) In seinem

*) Wie sich z. B. auch Welcker a. a. 0. S. 37 so ausspricht. Vgl. jetzt ferner Preller: griech. Mythol. I S. 30. II S. 281. Rückert: Trojas Ursprung S. 144 ff., in eigenthümlicher einseitig consequenter Weise aber bekanntlich Forchhammer, zuerst in den Hellenika? 1837, dann in der kleinern Schrift 'Achill'. 1853

**) Vgl. zu dem allem theils Forchhammer in den eben genannten stürmenden vordringen besiegt und erlegt er den "Extwo, den aufhaltenden, abwehrenden und schirmenden Gott, während er selbst wiederum den Pfeilen Apollons, des lichten, trocknenden und die feindlichen stürmenden Mächte besiegenden Gottes erliegt. Wie die ganzo Anschauung in den eigenthümlichen Naturverhältnissen der troischen Ebene begründet sei, wie schon der Name Ilion (mit idús zusammenhängend) auf diese Verhältnisse hinweise, dies haben schon zur Genüge andere ausgeführt. Nöthiger scheint es die Bedeutung hervorzuheben, welche diese Verhältnisse und die darauf bezüglichen Anschauungen in dem religiösen Culturbewustsein des alten Troerstaates haben musten, soweit wir auf dasselbe aus den mythischen Spuren noch zurückschlieszen können. Wie jetzt noch Reste uralter Canalanlagen von früherer auf eben jene Naturverhältnisse bezüglicher Culturthätigkeit reden, so hat auch ohne Zweifel die Mauer des Herakles (II. T 145 ff.), unter deren Schirm er das Meerungeheuer bekämpft, welches die Hesione (d. h. das Uferland) verschlingen will, eine analoge Bedeutung, ja vielleicht auch die von Poseidon und Apollon (diesen von entgegengesetzter Seite hieher gehörigen Göttern) erbaute troische Mauer, sowie die Mauer der Danaer, welche Poseidons Misgunst wieder zerstört (II. H), und von welcher wol gleichfalls keine Sage entstanden wäre, wenn nicht alte Ueberreste auf eine solche Erklärung geführt hätten. Zugleich aber ist überhaupt der Gesamteindruck, welchen das mythische Bild des alten troischen Staates macht, ein solcher, der im Gegensatz gegen das heroisch-hellenische vielmehr auf eine mit dem pelasgischen verwandte Cultur hinweist, wie dies auch theils schon der Gesammtstellung der benachbarten asiatischen Völker gegenüber von Griechenland, theils namentlich auch dem Zusammenhange entspricht, in welchem ohne Zweifel die troische Cultur mit den alten idaeischen Götterculten stand. Hieher gehört vor allem der unkriegerische Stadtherscher Priamos selbst, welcher mit Hekabe und seinen 50 Söhnen, besonders dem immer an asiatische Weichlichkeit erinnernden Paris , ganz den Eindruck friedlicher reicher Cultur macht und welchen man wol nicht mit Unrecht mit dem gerade aus diesen Gegenden stammenden und dort (am Hellespont) besonders verehrten Priapos zusammengestellt hat, da sowol jene Fruchtbarkeit als auch des Priamos goldener Weinstock, ja selbst sein anderer Name Podarkes hiemit zusammenstimmt, denn Priapos, welcher in der symbolischen Eigenschaft eines kriegerischen Tänzers auch mit den idaeischen Daktylen zusammengebracht wird *), ist wol eine ihrem Ursprung nach ungleich ältere und erst in späterer Zeit auf jene feste Form und Bedeutung beschränkte Gottheit. Nach jener obigen Anschauung gehört er in den Kreis der idaeischen Korybanten, Kureten,

Schriften, auch die Beschreibung der Ebene von Troia' nebst der beigefügten Karte, 1850, theils namentlich auch zu den folgenden Ausführungen Rückert a. a. 0.

*) Lucian. de saltat. 21; vgl. Lobeck Aglaoph. 1165.

Kabiren, welche die Wolken- und Gewitterdaemonen, auch die vulcanischen Kräfte des Gebirgs zu bezeichnen scheinen und so an sich selbst auch in Beziehung zur Fruchtbarkeit stehen. Ebenso erinnert Hekabe nicht blosz durch ihren Namen, sondern vor allem auch durch den eigenthümlichen Mythus von ihrer Verwandlung in eine Hündin, welche heulend. Thracien durchstreift, an die eben in jenen Gegenden (Thracien, Samothrake, Hellespont) besonders verehrte Hekate *). Der troische Erichthonios aber mit seinem Reichthum und seiner Rossezucht weist ohnedies in allem auf den pelasgischen Erichthonios des alten Attika hin, während ebenso in der besondern Bedeutung des Pallasdienstes und des Palladion sich dieselbe Verwandtschaft zeigt. Pelasger aber finden sich ausdrücklich im troischen Gebiete selbst und werden als troische Bundesgenossen aufgeführt. Weist nun dies alles sowie das ganze Verhältnis, in welchem nach der homerischen Dichtung selbst Troer und Hellenen erscheinen, auf einen mit der altgriechischen Cultur und ihrem Religionskreise sehr verwandten Bildungszustand hin, welcher wesentlich dem entspricht, was wir anch über das sonstige Verhältnis der kleinasiatischen Küstenvölker und ihrer Culte zu dem alten Griechenland schlieszen können, so wird nicht nur begreiflich, wie Sagen, welche von selbst an den hellenischen Vorstellungskreis sich anschloszen, wie vor allem die von Achilleus und seinem Kampfe mit Hektor, sich schon vorfinden konnten, sondern es erscheint auch ebendamit die ganze geistige Bedeutung jenes Kampfes in ihrem vollen Licht. Jener Punkt, auf welchem Asien und Europa unmittelbar zusammenstossen, bot nicht blosz durch seine eigenthümlichen Naturverhältnisse besondern Anlasz zu Anschauungen die sich auf das ringen natürlicher wolthätiger Cultur mit feindlicher Naturmacht bezogen, sondern er muste auch eben in jener alten Zeit, in welcher die Züge der Völker sich noch möglichst an das Land und die Küsten anschlossen, zum vielseitigsten wichtigsten Berührungspunkte asiatischer und europaeischer Cultur und Religionsanschauung werden, zu einem Punkte auf welchem die verschiedensten Elemente zusammenflossen. Auf derselben natürlichen Lage und Bedeutung dieses Punktes beruht es auch, dasz hier zuerst hellenische Einwanderer

*) Mit der Hekate wird sie auch ausdrücklich bei Lykophron Kass. Vs. 1174 ff. zusammengebracht. Zu den obigen Momenten mag man noch hinzunehmen dasz auch Hektor sowie der mit ihm in Zusammenhang stehende Fluszname Skamandros in Boeotien heimisch gewesen zu sein scheint und mit den pelasgischen Wasserbauten in innerer Verbindung stehen mag; vgl. Rückert a. a. 0. und die Stellen des Paus. IX 18, 4 und Lykophr. 1206 ff. Schlieszlich aber sind noch namentlich die pelasgischen Kabiren zu erwähnen, welche jedenfalls, wie überhaupt die Culte der benachbarten Inseln, Samothrake, Imbros, Lemnos, mit den idaeisch-troischen Götterculten in Zusammenhang stehen und mit welchen nach den alten Nachrichten ebenso die Hekate zusammengehört, wie ohnedies der pelasgische Hermes, welcher als phallischer befruchtənder ganz an Priapos (Priamos) erinnert und auf analoge Weise mit der Persephone verbunden wird.

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