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DEUTSCHES LESEBUCH

FÜR

ANFÄNGER.

CAMBRIDGE:

UNIVERSITÄTS DRUCKEREI-BEI HILLIARD UND METCALF,

FÜR

Cummings, Hilliard, & Co.-Boston.

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VORWORT.

Die Sammlung von Auszügen aus deutschen Schriftstellern, welche hier unter dem Namen : 66 Deutsches Lesebuch ” erscheint, ist bestimmt, einem dringenden Bedürfniss ab zu helfen, das bei dem Unterricht in der deutschen Sprache an der hiesigen Hochschule sich offenbarte, und wahrscheinlich von allen Denjenigen gefühlt wird, welche diese Sprache in den vereinigten Staaten lehren, oder erlernen wollen. Der Zweck dieses Buches ist, den Lehrern, zur Erläuterung der Regeln und Eigenthümlichkeiten der Sprache, eine Sammlung von Beispielen aus anerkannten deutschen Musterwerken an die Hand zu geben, und zugleich den Lehrlingen einen Vorgeschmack und Vorbegriff von der neueren deutschen Literatur zu verschaffen. Für diesen doppelten Zweck sind hier aus den Werken der verdientesten und berühmtesten Schrift. steller im Gebiet der schönen Wissenschaften, einzelne Stücke zusammengestellt worden. Bei der Auswahl der Stücke konnte jedoch auf dasjenige, was jeden dieser Schriftsteller am meisten auszeichnet, weniger Rücksicht genommen werden, als auf das, was für den ersten Unterricht sich am meisten zu eignen schien. Von deutscher Dichtkunst liefert dieses Lesebuch nur wenige Proben, weil es zweckmäsig schien, den Anfänger im Deutschen vor allem mit den regelmäsigen Sprachformen, der gewöhnlichen Bedeutung der Wörter und Bildung der Sätze, vertraut zu machen. Sollte jedoch diese kleine Sammlung eine günstige Aufnahme finden, so wird bald eine, für den höheren Unterricht bestimmte, nachfolgen, welche mehr und grösere Probestücke, in gebundner und ungebundnet

von

Rede, enthalten soll, um einen vollständigeren Begriff von deutscher Literatur zu geben.

Die Schriften, aus denen wir hier Auszüge liefern, gehören sämmtlich zur neuen deutschen Literatur, unter welchem Ausdruck man vorzugsweise diejenigen Werke begreift, die in der letzten Hälfte des vorigen, und im Laufe unseres Jahrhunderts erschienen. Die Reihe dieser neueren Schriftsteller beginnt mit Lessing, welchen Deutschland mit Recht als die Haupttriebfeder der grosen Umwälzung im Reiche der Literatur betrachtet, aus welcher, seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, die merkwürdigsten wissenschaftlichen Erscheinungen hervorgingen, deren Ruhm, sowie er die Gränzen Deutschland überschritten hat, auch über die der Gegenwart hinaus reichen wird.

Um die Verdienste der Schriftsteller aus diesem Zeitraume gehörig zu würdigen, ist es nöthig, mit den Werken ihrer Vorgänger einigermasen bekannt zu sein ; wesshalb einige allgemeine Bemerkungen über deutsche Literaturgeschichte hier ihren Platz finden mögen.

Wenn man den Entwicklungsgang der deutschen Literatur im Ganzen betrachtet; so scheinen in ihr, den verschiednen Zeiteinflüssen gemäs, folgende drei Hauptrichtungen sich dar zu stellen.

Die erste Hauptrichtung ist die romantische, welche vorzüglich in dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert, dem Blüthenalter des Minnegesanges und der gothischen Baukunst, hervortritt. Viele Ursachen wirkten zusammen, dass in jener Zeit, während andere Zweige der Wissenschaft vernachlässigt waren, die Dichtkunst, neben der Baukunst, eine hohe Stufe eigenthümlicher Vollkommenheit erreichte. Hauptursachen waren: die unbeschränkte Herschaft eines Glaubens, der durch Sinneneindrücke sich des Gemüths bemächtigte, und durch seine Sinnbilder den

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Verstand in Anspruch nahm ; ferner, die Kreuzzüge, welche das Morgenland dem Abendlande bekannt machten; die Erzeugnisse der provenzalischen, und Überbleibsel der skandinavischen Dichtkunst; das Ritterwesen, und die aufblühenden Städte, nebst dem Einflusse der, Kunst und Wissenschaft fördernden deutschen Kaiser aus dem Hause der Hohenstaufen.

In diesem Zeitraum entsprangen eine unzählige Menge gröserer und kleinerer Gedichte, deren Hauptgegenstand: Glaube, Ehre, und Liebe ist, wodurch sie das eigenthümliche Gepräge, welches man das romantische zu nennen pflegt, erhalten. Aus dieser Zeit stammt das grose Heldengedicht, das Lied der Nibelungen, dessen Verfasser, gleich dem des herlichsten aller gothischen Bauwerke, des Köllner Domes (der in derselben Zeit gegründet wurde), unbekannt ist. Unter den Minnesingern (Liebessängern) zeichnen sich Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide vorzüglich aus.

Aber im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, als das deutsche Volksleben unter dem geisttödtenden Einflusse des österreichischen Kaiserhauses erschlaffte, da versank auch jener romantische Kunstsinn, und artete theils in übertriebene Ziererei, theils in handwerksmäsige Plattheit aus. Günstig wirkte diese Entartung des bürgerlichen und wissenschaftlichen Zustandes nur auf eine Art der Dichtung, die Satyre, welche in dieser Zeit bedeutende Fortschritte machte.

Eine neue, von der früheren durchaus verschiedene Richtung erhielt die deutsche Bildung im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts durch die grose Kirchenreformation, und das Vordringen der klassischen, griechischen und römischen Literatur. Sowie das romantische Zeitalter durch Erzeugnisse einer schöpferischen Einbildungskraft ausgezeichnet war, so zeichnete das protestantische durch

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