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thatsachen (geschichtserzählung und brief) und b. der gedanken (abhandlung), 2) die dialogische erörterung der begriffe und 3) die kunstgemäsze rede. Hoffmann, director zu Lüneburg, gibt in seiner 'rhetorik für gymnasien' als wichtigste kunstformen der prosa die beschreibung, die erzählung, den brief, den dialog, die abhandlung, die chrie und die rede. und dasz bis heute eine allgemein gültige einteilung der prosa noch nicht gewonnen ist, darf man daraus schlieszen, dasz die litteraturgeschichten und die lesebücher deutscher prosa in der gliederung ihres stoffes zum teil noch sehr erheb. lich von einander abweichen. so z. b. gliedert Bernhardy seine darstellung der römischen prosa in die vier abteilungen A. geschichte der historiographie, B. geschichte der beredsamkeit, C. geschichte der praktischen fächer (philosophie, physik, mathematik, staats- und hauswirtschaft), D. geschichte der erudition und grammatik, und sagt im zweiten teile seines grundrisses der griechischen litteratur im eingange: die prosa ruht auf den drei redegattungen historiographie, beredsamkeit und philosophie, bis aus der thätigkeit der grammatiker eine vierte gattung 'erudition und philologische gelehrsamkeit selbständig erwuchs. Pischon in seinem 'leitfaden zur geschichte der deutschen litteratur teilt die prosa in die vier felder: roman, geschichtliche prosa, didaktische prosa und rhetorische prosa. Mager gliedert in seinem lesebuche den prosaischen stoff nach den drei rubriken der historischen prosa, der oratorischen prosa und didaktischen prosa; Paulsiek aber unterscheidet in seiner übersicht über die neuere litteratur fünf prosagattungen: 1) prosadichtung, 2) historische prosa, 3) didaktische prosa, 4) rhetorische prosa, 5) briefe.

Doch diese beispiele genügen, um zu erweisen, dasz eine allgemein gültige gliederung der prosa noch nicht gewonnen ist. es dürfte deshalb nicht ganz überflüssig sein, die frage nach der ein. teilung der prosa einer erörterung zu unterziehen. da aber die durch die sprache vermittelte offenbarung des menschengeistes in die beiden arten der poesie und der prosa zerfällt, indem in der poesie die phantasie und in der prosa der verstand thätig ist, so liegt die vermutung nahe, dasz das princip der gliederung für beide dasselbe sein werde. deshalb wollen wir von der festbegründeten gliederung der poesie ausgebend die wesentlichen unterschiede von epos, lyrik und drama kurz bestimmen und dann nachsehen, ob wir in der anwendung dieser bestimmungen auf die prosa eine ungezwungene und zugleich das ganze feld umschlieszende gliederung gewinnen. um uns aber nicht zu sehr in allgemeine bemerkungen zu verlieren, wollen wir an die entsprechenden erscheinungen der griechischen litteratur anknüpfen und eine genetische entwicklung der begriffe zu geben versuchen.

Die unvollkommenen anfänge des epos reichen bis in die heroenzeit selbst hinauf. seine vollendung erreichte es, als nach dem sturze der Acbäerreiche durch die Dorier die flüchtigen Ionier die sagen von Troja nach dem schönen Kleinasien trugen und die eignen

kämpfe mit den dortigen völkern das interesse an jenen sagen neu belebten.

In der Ilias ist es ein lieblingsheld aas dem troischen sagenkreis, dem Homer seine neigung vor allen zugewendet hat, weil den dichter ein zug des wesens mit zaubermacht packt, aus dem dieses helden ganzes thun und sein ganzes schicksal resultiert. dasz dem Achill trotz der prophezeiung seiner mutter von seinem frühen tode die freundestreue und die ehre höher steht als sein leben, das ist der ideale zug, und der streit mit dem oberkönige die äuszere veranlassung zu der kette von ereignissen, bei denen Achill seine heldengrösze offenbaren sollte. so krystallisiert sich gewissermaszen der gewaltige völkerkampf in des dichters geist zu einer kurzen handlung. indem er aber mitten in der sache beginnend diese handlung nach ursprung, verwicklung und ihrem endlichen umschwunge vorführt, strömt ihm das material aus der groszen, thatenreichen sagengeschichte so massig von allen seiten zu, drängt ihn seine lebhafte phantasie und die lust am erzählen zu einer solchen breite der ausführung und anschaulichkeit der darstellung, dasz sich ein groszes bild der ganzen zeit, gewissermaszen ein ausschnitt aus der culturgeschichte vor unserm geistigen auge entrollt. hierbei halte ich mich an die jetzt so ziemlich allgemein und auch von Köchly vertretene ansicht, dasz die Ilias zwar nicht in ihrer jetzigen gestalt, aber doch ihrem kerne nach die schöpfung eines dichters ist. so stellt der dichter von der groszartigkeit der heroenzeit erfüllt die eine in sich geschlossene handlung als in der vergangenheit geschehen nach den in seiner phantasie lebenden vorstellungen dar, indem er selbst ganz in seinen stoff aufgeht.

Aber nicht nur die heldenzeit ist gegenstand der epischen dichtung, sondern die vielen unterarten der epischen gattung, welche bis heute sich entwickelt haben, zeigen, dasz die ganze åuszere den dichter umgebende welt bis auf die tierwelt und sogar des dichters eigne lebensschicksale episch, oder wie wir auch sagen können, äuszerlich gegenständlich verarbeitet werden können.

Richten wir nun unsern blick auf das grosze, weite feld der prosa, so erkennen wir sofort als die der erzählenden dichtung verwandte prosaische schöpfung die historische erzählung. wenn wir dann, um das ganze gebiet, wozu die historische erzäblung gehört, genau abzugrenzen, auf die bei dem epos eben gefundene bestimmung zurückgehen, wonach die ganze den dichter umgebende welt und des dichters schicksale selbst, äuszerlich vorgeführt, der epischen dichtung zuzuweisen sind, so ergibt sich, dasz alle mitteilungen von dem, was im menschenleben und naturleben vom anfang der dinge an existierte und heute existiert, dieser ersten gattung zuzuweisen sind. demnach sind erzählung und beschreibung die unterarten ein und derselben hauptgattung und ihr unterschied einzig der, dasz die erzählung schildert, was nach einander in der zeit existierte, während

die beschreibung schildert, was neben einander im raume existiert. der zweck dieser ersten hauptgattung, welche wir die schildernde (oder erzählende) nennen können, ist mitteilung und belehrung über das, was der mensch gesehen und erlebt hat, oder als wissen von dem, was einst war und was heute ist, in sich aufgenommen hat. ihr ursprung aber ist in dem streben des menschengeistes zu suchen, die schranken von raum und zeit, in welche er hier in der leiblichkeit gebannt ist, niederzureiszen und über seine beschränkte lebenszeit hinaus bis zum anfang aller dinge zurückgehend und über den ort hinaus, da er lebt, über die ganze erde und sogar ins welltall vordringend womöglich alles in sich geistig aufzunehmen — ein zug seiner ewigen bestimmung.

Die liederdichtung ist uralt beim gesangliebenden Griechenvolke. aber die päangesänge, die hochzeitslieder und totenklagen und die lieder, die sonst noch beim cultus in gebrauch waren, erfuhren jahrhunderte lang keine fortbildung zu kunstvollerer behandlung, weil die heldensagen so ganz die jugendliche phantasie des volkes erfüllten, dasz es nur an dem wunderbaren und groszen der heroenwelt und an dem zauber, in welchem diese ihm strahlte, wabre freude und befriedigung hatte. als aber in den schnell emporblühenden ionischen colonien die politischen kämpfe zwischen den angestammten fürstengeschlechtern und den adeligen begannen und einzelne ehrgeizige aristokraten mit hilfe der massen sich zu tyrannen emporschwangen, um bald wieder gestürzt zu werden, und zu aller dieser not auch noch äuszere feinde, wilde nordische scharen, die städte schwer bedrängten, da trieb es den dichter, seiner heftig bewegten empfindung in einzelliedern luft zu machen, über die feigheit und schande der fliehenden krieger seinen zorn auszuschütten und kriegerischen mut zu predigen, oder das elend des von parteien zerrissenen vaterlandes zu beklagen, oder über den sturz des tyrannen der freude seines herzens lebhaften ausdruck zu geben. von dieser politischen liederpoesie datiert dann ein allgemeines erblühen der lyrischen gattung, indem das lied bald den weg von den öffentlichen angelegenheiten zu den persönlichsten erlebnissen des dichters fand. wäbrend also die epische dichtung die äuszern ereignisse als äuszere und vergangene vorfübrt, so gibt das lyrische gedicht die durch äuszere ereignisse und meist durch persönliche schicksale erregte stimmung des dichterherzens wieder; dem entsprechend ist die sprache eine erregtere und die strophen sind der äuszere ausdruck des auf- und abwogens der dichterseele. die ereignisse, welche sie in bewegung setzen, werden als in die gegenwart fallend vorgeführt, wir werden in die persönlichste stimmung des dichters eingetaucht, er erschlieszt uns sein inneres: das lied ist ein ausschnitt aus der innern welt des dichterherzens.

Sehen wir uns nun nach der prosagattung um, welche der innerlichkeit und lebhaftigkeit der lyrik entsprechend die individuellen ansichten und bestrebungen des menschen mit all der energie und

lebhaftigkeit, deren er fähig ist, zur geltung zu bringen sucht, so treffen diese merkmale einzig bei der rede zu, und zwar in einem grade, der wirklich überrascht. ganz wie im lyrischen gedicht der dichter seine persönlichste stimmung mit der ganzen leidenschaftlichkeit seines wesens aus sich herausstellt, so ist der redner bestrebt, seine individuelle auffassung von einer Sache geltend zu machen, die zuhörer zu dieser seiner persönlichen ansicht zu bekehren und dadurch seinem willen dienstbar zu machen; und er bietet alle gründe des beweises, die er finden kann, und alle sprachmittel, deren er fähig ist, und endlich alle stimmmittel und die ganze macht seiner persönlichkeit auf, um diesen zweck der umstimmung seiner zuhörer zu erreichen. So sucht in demselben process der staatsanwalt und der verteidiger ein jeder die richter für seine auf. fassung zu gewinnen, der eine, um die verurteilung, der andere, um die freisprechung des angeklagten herbeizuführen; so bearbeitet der politische redner die versammlung, um parteigenossen für bestimmte öffentliche acte zu gewinnen; so ist der fest- und kanzelredner bestrebt, seine verehrung für personen und verhältnisse, seine patriotische oder religiöse gesinnung und stimmung in die herzen seiner zuhörer zu pflanzen. oder wie Cicero sagt: erit igitur eloquens is qui ita dicet, ut probet, ut delectet, ut flectat. probare necessitatis est, delectare suavitatis, flectere victoriae, und wo er schlieszt: vehemens in flectendo; in quo uno vis omnis oratoris est. der zweck der rede ist also, des redners geistiges streben und die richtung seines willens auf andere menschen zu übertragen, sich in vielen andern zu vervielfältigen, um ihre unterstützung zur durchführung und verwirklichung derjenigen bestrebungen zu haben, wozu er allein nicht ausreicht. nach alledem versteht es sich fast schon von selbst, dasz nur die bestimmungen, welche Aristoteles und Cicero vom gebiete der beredsamkeit geben, richtig sind, indem sie untersuchungen über fragen allgemeiner art wie z. b. ecquid sit bonum praeter honestatem? verine sint sensus? oder quae sit mundi forma? quae solis magnitudo vom oratorischen stoff ausschlieszen. wir brauchen uns aber hier auf diesen streit der alten rhetorik, ob dem Aristoteles und Cicero beizustimmen sei und diese Oéceic oder quaestiones infinitae von der beredsamkeit auszuschlieszen, oder ob Gorgias und Hermagoras recht haben, welche solche fragen allgemeinen inhalts in den umfang der beredsamkeit mit hineinzogen, nicht einzulassen, weil im weitern verlauf unserer untersuchung das falsche in der auffassung der letztern von selbst sich herausstellen wird. weil also in der rede die individuellste eigenart einer persönlichkeit mit der ganzen energie ihres wesens, aber auch mit der besonderheit und mangelbaftigkeit ihres denkens und wollens sich geltend macht, so kann eine rede sowohl richtige als auch falsche ziele verfolgen, und es hängt von der klarheit und tiefe des denkens und von dem sittlichen werte des redners ab, ob das wahr und gut ist, was er sagt und erstrebt.

Mit der darstellung der äuszern welt im epischen und der innern welt im lyrischen haben wir den ganzen kreis des existierenden umschlossen, und man könnte fragen: was bleibt dann für die dritte dichtungsgattung noch übrig? auszer dem, was jene beiden umfassen, nichts. und so ist denn auch das drama in seinen ältesten formen wohl eine ziemlich äuszerliche verknüpfung von lyrischem und epischem gewesen, indem erzählungen des dithyrambischen chorführers von den schicksalen des Dionysos oder anderer gottheiten oder mythischer personen mit langen chorliedern abwechselten, die begeisterte teilnahme an jenen schicksalen ausdrückten. ' und auch als Thespis dazu fortschritt, die personen des mythos durch einen schauspieler in verschiedenen masken handelnd zu geben, dürfen wir uns unter diesen dramen nichts als eine mit chorgesängen abwechselnde schwach dialogisierte erzählung denken, wie erwächst aber aus dieser ziemlich äuszerlichen mischung von epischem und lyrischem die vollendete kunstschöpfung der attischen tragödie, welche den menschen erhebt, indem sie den menschen zermalmt? denn im drama sind es ja nicht die ereignisse in ihrem äuszern verlaufe, welche interessieren und dargestellt werden, sondern die handlung nach ihrem innern entwicklungsprocess, wie aus der eigentümlichkeit eines charakters durch die einwirkung äuszerer umstände ein streben erwacht, das mit den bestrebungen anderer sich kreuzt; wie dies streben, durch den gegensatz gesteigert zur leidenschaft wächst, die zur that treibt und gewaltsam in die bisherige ordnung der dinge eingreifend auf den bandelnden selbst folgenschwer zurückfällt. und das ist das packende der wirkung dieses innern processes einer bandlung, dasz sie auf das gemüt der mithandelnden personen stetig einwirkend uns zuschauer in lebendigste mitleidenschaft zieht, und da wir der entwicklung als einer zukünftigen entgegenschauen, mit furcht unsere seele füllt. zuletzt aber fühlen wir uns im hinblick auf die wirkung der katastrophe auf alle beteiligten über unsere empfindungen von furcht und mitleid und über alle individuellen stimmungen erhoben durch die erkenntnis, dasz in dem geschick ein sittliches gesetz sich vollzogen.

Um diesen groszen fortschritt zu verstehen, der in der verinnerlichung der handlung vorliegt, müssen wir die gleichzeitige geschichte mit in rechnung ziehen. die siegreichen schlachten gegen die Perser waren geschlagen, was kaum jemand zu denken gewagt hatte, war eingetreten: die geringe macht Athens und der wenigen verbündeten hatte die gewaltigen heeresmassen des persischen weltreichs vernichtet. staunend stand man wie vor einem wunder. alle fühlten, was den grundton der Herodoteischen geschichtserzählung ausmacht, dasz eine göttliche gerechtigkeit über den geschicken der völker waltet, welche denjenigen stürzt, der in seinem gröszenwabne keine grenze seines hochmuts mehr kennt. man hatte ein weltdrama erlebt als mithandelnde und als zuscbauer zugleich, und indem der tragödien dichter Äschylos, der bei Marathon, Salamis und Platää

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