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mitgestritten, über das grosze wunder nachsann und über griechischen und persischen volkscharakter und über die verhältnisse und bestrebungen des ostens und seines volks und über den wert der erziehung zur tugend und freibeit, da wurde ihm der innere zusammenbang klar, der zwischen dem wesen des menschen und seinem thun und seinem schicksal besteht. darum ist es kein bloszer zufall, dasz das aufblühen des dramas zusammenfällt mit dem auftreten des griechischen volkes auf der groszen weltbühne. erst die geistige und sittliche reife, die es zum handeln im groszen stile befähigte, erst diese zeitigte die edelste frucht der poesie, die attische tragödie. diese wirkung aber der weltereignisse auf die dramatische kunst bestätigen die dramen des Phrynichos 'die eroberung Milets' und 'die Phönissen' und vor allem die Perser des Äschylos.

Indem aber so im drama der griechische geist sich zur abnung einer sittlichen weltordnung erhob, zogen ihn besonders die ergreifenden überlieferungen aus sagenhafter vorzeit an, in denen die rächende macht des schicksals sich furchtbar offenbart, indem der fuch der sünde bis ins dritte und vierte glied nachwirkend ganze geschlechter niedertritt, bis im verfolgten enkel oder urenkel der geistesadel sich offenbart, welcher den auch des geschlechts sühnt.

Hatten wir also im epos die erzählung der äuszern that und im liede den lebhaften ausdruck der empfindung über eine that oder ein geschick, so haben wir im drama den innern entwicklungsprocess einer bandlung bis zur that und die innere beziehung derselben zum schicksal, d. b. eine handlung unter dem reflex des allgemeinen im menschengeiste oder der sittlichkeit. und gab uns das epos einen ausschnitt aus der cultur- und weltgeschichte und das lyrische gedicht einen ausschnitt aus des dichters herzen, so bietet uns das drama einen ausschnitt aus der sittlichen weltordnung.

Eine vierte dichtungsgattung aber ist undenkbar.

Welche prosaische gattung soll nun das gegenstück zum drama bilden? indem die schildernde darstellung die ganze welt, äuszerlich genommen, umfaszt und die rede das innere der persönlichkeit geltend macht, so ist mit diesen beiden gattungen zunächst wieder alles, was existiert, umschlossen, und ein drittes davon verschiedenes gebiet gibts nicht. und in der that kommen sehr viele menschen über diese beiden formen der geistesoffenbarung durch die sprache, nemlich über die erzählung dessen, was sie erlebt haben und wissen, und die rede, den energischen ausdruck dessen, was sie wollen, nicht hinaus. nun gibt es aber auch noch einige abstracter angelegte geister, welche sich mit der sie umgebenden welt, wie sie ihnen in der natur und im menschenleben duszerlich entgegentritt, nicht begnügen, sondern indem sie die dinge mit den im menschengeiste innewohnenden allgemeinen normen des denkens prüfen, die allem sein und auch allem denken zu grunde liegenden gesetze erforschen möchten. so ergibt sich als dritte und höchste gattung der prosa die wissenschaftliche untersuchung oder abhandlung, welche zum

zweck die feststellung der wahrbeit und die erkenntnis der objectiven wirklichkeit hat und als einziges mittel die logische beweisführung benutzt. hier fällt das persönliche interesse, die persönliche leidenscbaft weg, es treten alle äuszern ziele zurück und damit verschwinden auch die duszerlichen mittel der schönen, packenden darstellung. nur das erforschen des wahren schwebt als reines ziel vor, und selbst wenn die wahrheit nicht erschlossen wird, weil die selbsttäuschung des menschen zu falschem hinleitete, so dient auch dieser irrtum später mit dazu die volle wabrheit zu finden.

Soll nun etwa die wissenschaftliche abhandlung dem drama entsprechen? soweit poesie und prosa sich vergleichen lassen, allerdings. im drama wurde eine handlung unter dem gesichtspunkte des allgemeinen im menschengeiste oder der sittlichkeit vorgeführt, und wenn wir das letzte resultat ins auge fassen, eine sittliche wahrheit gewonnen. in der abhandlung wird das sein nach dem maszstabe des allgemeinen, gesetzmäszigen im denkprocess auf seine wirklichkeit untersucht und eine wahrheit gefunden. im drama war die handlung in ihrem innern entwicklungsgange vorgeführt, wie der kampf der widerstreitennen neigungen und interessen zu einer äuszern that führt, welche die alte ordnung durchbrechend eine schuld mit sich zieht, aber indem durch sülne der bruch geheilt wird, zugleich ein höheres sittliches gesetz begründet. und in ähnlicher weise wird in der abbandlung das resultat durch innere beweisführung allmäh. lich gewonnen, und zwar in fortschreitendem kampfe gegen die falsche tradition und die gewöhnliche meinung; und auch die neu erstrittene wahrheit greift oft in den bisher berschenden glauben störend ein, aber doch nur zum vorteil der fortschreitenden erkenntnis der menschheit.

Ja sogar in der äuszern form sind die ersten abhandlungen der Griechen, die memorabilien Xenophons und die dialoge Platons, dem drama ähnlich, indem sie die dialektisch fortschreitende untersuchung nach der lehrmethode ihres meisters in den dialog einkleiden. da aber die gesprächsform für die wissenschaftliche untersuchung nicht absolut notwendig ist, so kam bald daneben die zusammenhängende darstellungsform der abhandlung auf.

Fassen wir also das resultat unserer untersuchung bis hierher zusammen, so entspricht der epischen gattung auf dem gebiete der prosa die schildernde gattung mit den beiden unterarten der erzäblung und beschreibung, der lyrik aber die rede und endlich dem drama die wissenschaftliche untersuchung mit den beiden in der åuszern form sich trennenden arten des dialogs und der abhandlung.

Der brief aber, welcher oben als prosagattung mit aufgeführt worden ist, darf, weil er, vom eingang und schlusz abgesehen, sowohl eine erzählung oder beschreibung, als auch eine rede, als auch eine abhandlung und sogar stücke aller drei gattungen zugleich entbalten kann, nur als eine aus der gewöhnlichen praxis des lebens stammende mischlingsgattung angesehen werden, die auf der grenze zwischen poesie und prosa stehenden gattungen endlich, nemlich die poetische prosa (märchen, roman, novelle usw.) und prosaische dichtung (didaktische poesie, erzählungen und beschreibungen in versen) genügt es als mittelgattungen einfach erwähnt zu haben.

Sehen wir uns nun nach bundesgenossen um, welche für die oben entwickelte gliederung der schönen prosa eintreten und die selbe mit ibrer auctorität stützen könnten, so darf ich mich auf zwei der oben genannten gelebrten selbst berufen. Mager nemlich hat schon in seinem 1841 erschienenen lesebuche diese gliederung angewandt, und es ist sehr zu verwundern, dasz dieselbe nicht schon längst die ihr gebührende anerkennung gefunden hat. ebenso stimmt mit uns fast ganz Bernhardy überein, der ja klar ausspricht, dasz die prosa auf den drei redegattungen der historiographie, beredsamkeit und philosophie beruht; denn wir brauchen für diese speciellern titel nur die oben gefundenen allgemeinen zu setzen, und seine vierte gattung der spätern gräcität 'erudition und philologische gelehrsamkeit fällt auch mit unter die dritte hauptgattung der ab: handlung oder didaktischen prosa.

Werfen wir nun zum schlusz noch einen blick auf die entwicklung der griechischen prosa. es ist nemlich geradezu überraschend zu sehen, wie fast mit natürlicher notwendigkeit die einzelnen gattungen aus den äuszern bedürfnissen und verhältnissen erwachsen, wie klar in der entwicklung einer jeden der drei gattungen das eigentümliche ibres zweckes zu tage tritt, und lehrreich ist zu erkennen, wie die höchste derselben, die wissenschaftliche abhandlung, erst die falschen verbindungen mit der poesie und dann mit der beredsamkeit überwinden muste, um zur vollendung zu gedeihen.

Sehen wir uns nach der ersten prosaischen schöpfung um, so wird uns aus dem anfange des sechsten jahrhunderts das werk des Pherekydes von Syros περί φύσιος και θεών genannt. wenn man aber nach den fragmenten urteilen darf, so haben wir es hier noch mit poetischer prosa zu thun, die ziemlich phantastisch mythisches mit allgemeinen betrachtungen mischt. reiner prosa in form und inbalt begegnen wir zwei menschenalter später bei den Ioniern. der verlust der politischen selbständigkeit mochte bier zuerst das bewustsein von der eigenart und dem werte des Griechentums rege machen, und indem sich infolge dessen die erinnerung an die coloniegründung neubelebte, schrieb Kadmos von Milet seine ktícic Milňtou kai tñc olnc 'lwvíac. und zwar ist schon in den ersten prosawerken das charakteristische der schildernden gattung, die erforschung der dinge bis zum anfang zurück und erweiterung der kenntnis der umgebenden welt deutlich ausgeprägt, denn bei den erzählungslustigen und wissensdurstigen Ioniern stand der logograph Hekatäos wegen seiner umfangreichen historien und geographischen und ethnographischen beschreibungen in hohem ansehen, aber eigentliche geschichte konnten die Griechen erst schreiben, als sie die kämpfe mit den Persern durchgekämpft, als sie selbst geschichte gemacht hatten. so ist Herodot wahrscheinlich unter dem einflusse der attischen tragödie durch die kunstmäszig in sich geschlossene einbeit seines werkes und die von einem einheitlichen gedanken getragene darstellung der vater der geschichtschreibung geworden und er selbst noch hat dieselbe nach Athen verpflanzt, welches durch seine nationale politik und die genialität seiner staatsmänner sich zum politischen und commerziellen mittelpunkt und zur geistigen hauptstadt Griechenlands erhoben hatte.

Die rede entwickelte sich zuerst zu einer kunstvollern form im westlichen Griechenland, auf Sicilien, und offenbart sich sofort als den energiscben ausdruck der subjectiven willensrichtung, denn hier dachte man zuerst über die mittel einer wirkungsvollen rede nach, weil ein jeder, der in diesen von wilden parteiungen zerrissenen staaten eine politische rolle spielen wollte, es verstehen muste mit der rede gewalt auf die leichtbewegliche, leidenschaftliche volksmenge bestimmend einzuwirken. von Gorgias als prunkrede nach Athen verpflanzt, diente sie zunächst der neuen aufklärungspbilosophie, der sophistik, welche die erkenntnis der wahrheit leugnend den subjectiven menschen zum masz aller dinge machte und durch engste verbindung der beredsamkeit mit wissenschaftlicher forschung die letztere zum mittel der selbstsüchtigen zwecke des redners machte. zunächst übte diese sopbistische beredsamkeit auf die jugend Athens ihre verderbliche wirkung aus. aber allmählich streifte die beredsamkeit unter dem processlustigen Athenervolke bei der notwendig. keit, im gerichtssaale eine mehr sachgemäsze darstellung und beweisführung zu pflegen, und unter der einwirkung der die sopbistik siegreich bekämpfenden Sokratik den äuszern klingklang, das schwül. stige der darstellung und die betrügliche begriffsspalterei ab und entwickelte sich zur vollendung der attischen redekunst.

Die dritte prosagattung endlich, die wissenschaftliche abbandlung, fällt in dem zeitraume, von dem wir hier reden, noch ganz mit der pbilosophischen untersuchung zusammen. die ersten an. fånge aber der philosophischen speculation giengen ebenfalls von dem geistig so regen volksstamme der Ionier aus und sind ebenso alt wie die ersten historischen aufzeichnungen, denn Anaximander von Milet mit seiner schrift trepi púcioc soll ein zeitgenosse des Kadmos gewesen sein. schnell erwachte dann der trieb zum philosophieren auf der ganzen peripherie griechischer niederlassungen. und es ist interessant wabrzunehmen, wie die Ionier im osten sich durchaus der prosaischen rede bedienen, wäbrend die Dorier und Italioten im westen in lehrgedichte ihre pbilosopheme einkleiden. dasz diese erste periode der philosophie durch die sophistik abgeschlossen wird, brauche ich nicht weiter auszuführen und ebensowenig über wesen und bedeutung der sophistik zu sprechen. nur zwei punkte musz ich speciell hervorheben. ebenso wie auf der einen seite die ausbildung der rhetorik und pflege der beredsamkeit und vor allem die begründung und ausbildung einzelner wissenschaften als groszes verdienst der sophistik gepriesen werden müssen, so ist anderseits gerade in der innigen verknüpfung der rhetorik mit jenen wissenschaften oder vielmehr in der ausnutzung der wissenschaft für oratorische zwecke ihr schlimmster fehler zu suchen. denn diese beiden gebiete mit einander innerlich verknüpfen heiszt nicht mebr die wissenschaft um ihrer selbst willen, zur erforschung der wahrheit pflegen, sondern sie den subjectiven bestrebungen des individuums und dem egoismus der menschennatur, der nach genusz und herschaft über die geister strebt, dienstbar machen. die wissenschaft aus dieser unwürdigen stellung einer magd befreit und auf den thron im reiche des geistes gesetzt zu haben, das ist die grosze that des Sokrates. weil er jenen misbrauch klar erkannt hatte und allüberall um sich herum die verderbliche wirkung der sophistischen richtung sah, machte er die bekämpfung derselben zu seiner lebensaufgabe. daher seine feindschaft gegen die schönrednerei und die schönredner, daher seine bekämpfung des wissensdünkels seiner mitbürger, daher die anwendung der immer zur sache zwingenden gesprächsform, daher sein zurück. geben überall auf den begriff der in rede stehenden sache. indem er aber nachwies, wie im erfassen des reinen begriffs die wabrheit erschlossen wird, wie man richtig zum begriff aufsteigt, wie jedem menschengeiste diese fähigkeit innewohnt und wie das klare erkennen der wahrheit den willen bestimmt und so zur tugend führt, ist er der eigentliche entdecker des geistes seinem wahren wesen und wirken nach geworden. die wesenheit des menschengeistes, der geist nach seinem objectiven gehalt aber ist ihm weiter die grundlage für seinen glauben an die existenz der gottheit und die unsterblichkeit der Seele. doch für unsern zweck genügt die erkenntnis, dasz Sokrates zuerst die wissenschaftliche untersuchung auf den grund und boden gestellt hat, der ihr einzig genügt, auf den des beweises der wahrheit um ihrer selbst willen mit den mitteln des objectiven im geiste. sonach ist Sokrates der erfinder der echt wissenschaftlichen methode und seine schüler Xenophon und Platon sind die ersten verfasser wirklicher wissenschaftlicher untersuchun. gen geworden. da aber die griechische litteratur in ihrer weitern entwicklung auszer einigen neuen poetischen arten und den mittelgattungen des didaktischen gedichts und des prosaischen romans nur den an- und ausbau neuer wissenschaftlicher fächer gebracht hat, so liefert auch sie den thatsächlichen beweis, dasz mit den drei oben von uns unterschiedenen gattungen, der schilderung (erzählung und beschreibung), der rede und der abhandlung, das ganze gebiet der prosa umschlossen ist.

MÜHLHAUSEN IN THÜRINGEN. EDMUND WEISSENBORN.

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