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jeber in den schulen vorbanden gewesen. im urtext konnten diese gedichte nur zu sehr kleinen teilen gelesen werden, da das mittelhochdeutsche überhaupt nicht ernstlich betrieben werden konnte; aber es zeigte sich auch vielfach, dasz das gelernte mhd. nicht einmal ausreichte, Simrocks übersetzung, welche bekanntlich ein gut teil mhd. kenntnisse voraussetzt, überall zu verstehen.

Dieser empfindlichste mangel der Simrockschen übersetzungen, dasz sie in ibrem bestreben, den urtext so treu als möglich wiederzugeben, nicht selten in eine mischsprache hineingeraten sind, die weder mittelhochdeutsch noch neuhochdeutsch ist, tritt zwar im Nibelungenliede noch verhältnismäszig am wenigsten hervor, aber er ist doch noch stark genug, um dem lehrer, der das original kennt, die lecture in der schule mindestens unbehaglich zu machen. daber haben andre übersetzungen, auch wenn sie in mancher beziehung hinter Simrock zurückblieben, noch guten absatz gefunden, und beute ist wohl kein zweifel, dasz die neue übertragung von L. Freytag unbedingt den vorzug verdient.

Freytag aber hat ein verfahren eingeschlagen, welches der nachdichtung in gewissem sinne verwandt ist. er unterscheidet sich von Simrock nicht blosz dadurch, dasz er wirklich neuhochdeutsch schreibt, sondern auch dadurch, dasz er seine übertragung auf die echten teile des gedichts beschränkt hat, ist diese beschränkung schon aus wissenschaftlichen gründen verdienstlich, so ist sie es noch mehr aus ästhetischen. jene zusatzstrophen des oder der bearbeiter sind nur geeignet den genusz des echten zu beeinträchtigen, weil sie meist einer einseitigen, vorübergehenden geschmacksrichtung des höfischen lebens rechnung tragen. das geistige leben jener zeit stand überhaupt nicht auf einer solchen höhe, dasz es nicht auch ganz wertloses hätte passieren lassen, und daher kommt es, dasz gerade die höfischen epen so wenig allgemeineres interesse zu erwecken vermögen. auch der begeistertste verebrer des deutschen altertums kann nicht leugnen, dasz in allen diesen gedichten entweder lange poetisch und ästhetisch wertlose partien oder doch viele die composition empfindlich störende weitläufigkeitenvorhanden sind. daher wird man es vielleicht als ein allgemeines princip für übertragungen mittelbochdeutscher gedichte aufstellen können, dasz in erster linie solche störenden bestandteile ausgesondert werden müssen. insofern nun dieses bestreben in den neueren um- und nachdichtungen entschieden vorhanden ist, verfolgen dieselben einen durchaus richtigen und den interessen der schule dienenden weg.

Aber dieser erste schritt hat andre nach sich gezogen. stellt sich der übersetzer (im weiteren sinne des worts) überhaupt seinem original kritisch gegenüber, so ist eine grenze schwer zu ziehen, und macht er gar den modernen geschmack zum richter, so wird er bald zur gänzlichen umgestaltung seine zuflucht nebmen müssen. die vorhandenen erscheinungen auf diesem gebiete zeigen fast jede schattierung subjectiver gestaltung, von ganz schwachen anfängen bis zur willkürlichsten umdichtung. Freytag gibt die Lachmannschen lieder ohne jede zuthat; der text ist mit rücksicht auf den ausdruck und den reim sebr frei behandelt, aber er trägt doch durchaus das mittelhochdeutsche colorit. ein weiterer schritt schon würde eine übersetzung sein in der gestalt, wie Wackernagel das Nibelungenlied in seine 'Edelsteine' aufgenommen hat: auswahl des besten mit kurz verbindendem prosatext. wesentlich anders aber hat sich dann Adalbert Schröter in seiner 'nachdichtung' verhalten. er folgt dem original inhaltlich durchaus, aber in völlig selbständiger dar. stellung. für ihn ist der moderne geschmack maszgebend: er ver. wandelt die Nibelungenstrophe in die octave, beseitigt einerseits unwesentliche weitläufigkeiten und gestaltet anderseits situationen aus, welche im original nur angedeutet sind, z. b. landschaftliche schilderungen, die dem mittelalter ebenso fremd sind, als sie heute gefallen. insofern hier nun das tbatsächliche in der entwicklung der handlung des originals gewahrt ist, moderne darstellungsart aber auf das ganze übertragen ist, nennt Schröter sein werk mit recht eine 'nachdichtung'.

Noch weiter aber gehen erscheinungen wie Chr. Stechers 'umdichtungen' und Weitbrechts behandlung des Gudrunliedes. der erstere verfolgt die ausgesprochene absicht, die deutschen dichtungen – übrigens nicht blosz die des mittelalters, sondern auch Goethe und Schiller — vom katholischen standpunkte aus in usum Delphini umzudichten. auszer Nibelungen und Gudrun ist bereits auch der Iwein und zuletzt der Parzival erschienen. hier werden einschneidende veränderungen auch mit dem stoffe und der entwick. lung der handlung in motivierung und gruppierung vorgenommen ; zutbaten an motiven und thatsachen sind ebenso zablreich als ausscheidungen - alles aber beberscht von einem jener zeit völlig fremden ascetischen geiste. ist bei Schröter nur das colorit des 13. jahrhunderts verloren gegangen, so haben wir bei Stecher überhaupt ganz neue gedichte, etwa 'mit anlehnung an einen älteren stoff". was hilft da die beibehaltung der äuszeren form des originals ? diese hat Stecher gewahrt, aber ibn scheidet trotzdem vom origiual eine viel tiefere kluft als Schröter.

Eine durch Tegnérs Frithjofssage bekannt und beliebt gewordene behandlung groszer epischer stoffe endlich hat Weitbrecht auf das Gudrunlied übertragen. wenn irgend eins, so bedarf gerade das Gudrunlied der bearbeitung, denn der edle kern wird von dem ballast der höfischen behandlung fast erdrückt. indem sich nun Weit. brecht im wesentlichen an die von Müllenhoff als echt bezeich. neten teile hält, gestaltet er diese wie Tegnér zu kleineren in sich selbständigen abschnitten und macht daraus einen cyclus von frei gedichteten romanzen mit manigfaltig wechselndem metrum. dazu hat er aber auch entwicklung, motivierung und gruppierung vielfach umgestalten müssen, und auch sein werk ist daher nichts anderes als eine selbständige neue dichtung mit be nutzung eines älteren stoffes. Wir können und wollen hier keine recension der angeführten werke geben: für unsre frage, welche bedeutung sie für die schule haben, ist diese auf das knappste masz beschränkte charakterisierung hinreichend. — Es ist klar, dasz die zuletzt genannten nach- und umdichtungen den aufgaben der schule nicht entsprechen, wodurch ihr eigentümlicher wert natürlich in keiner weise beeinträchtigt wird. die schule hat ihren zöglingen zur lectüre nur das zu bieten, was absoluten ethischen oder poetischen wert hat, dieses aber grundsätzlich im original. es ist daher von vornherein als ein nur durch eine notlage erzwungenes abweichen von diesem principe zu betrachten, dasz die zur lectüre geeignete litteratur des deutschen altertums nicht mehr im original bebandelt werden kann. Um so mehr aber fordert die aufgabe der schule von übertragungen solcher werke die böchste treue in der wiedergabe des sinnes und der dem original eigentümlichen darstellung. daraus folgt, dasz in den mittelhochdeutschen dichtungen von ethischem und poetischem gehalt zwar das störende beiwerk, welches sie alle haben, beseitigt werden, der kern dann aber echt und treu wiedergegeben werden musz. wo lücken entstehen, müssen sie durch eine kurze, auf das thatsächliche beschränkte inhaltsangabe ausgefüllt werden; der übersetzer selbst darf nirgend subjectiv gestaltend hervortreten; er darf, von den aufgaben der schule bestimmt, kürzen, aber nicht hinzuthun oder gar bessern wollen.

Nur so kann auch eine übersetzung der wichtigen aufgabe der schule dienen, die wissenschaftliche betrachtungsweise in dem schüler vorzubereiten. von diesen gesichtspunkten aus ist die Freytagsche bebandlung des Nibelungenliedes mustergültig — man möchte denn nach Wackernagels vorgang eine noch engere auswahl mit verbindender inhaltsangabe wünschen.

Für das höfische epos ist in dieser beziehung abgesehen von den gänzlich verfehlten versuchen Stechers noch nichts geleistet worden. bisher war auch in der that kein bedürfnis danach vorbanden, da die litteraturgeschichte das nötigste vom höfischen epos mitteilen konnte. nachdem aber durch die neueren bestimmungen auch die litteraturgeschichte aus dem lehrplan ausgeschlossen ist, soll auch ein höfisches epos mit zur lectüre herangezogen werden. wel. ches da zu wählen ist, kann von dem oben angegebenen gesichtspunkte aus nicht zweifelbaft sein: der Parzival vermag allein den aufgaben der schule zu genügen, und er kann es, nach den angeführten principien behandelt, in hervorragendem masze, denn er ist ein umfassendes zeugnis nicht blosz des ritterlichen lebens in allen seinen beziebungen, sondern der mittelalterlichen christlich - germanischen weltanschauung überhaupt.

Eine einrichtung des Parzival für die schule aber denken wir uns so *: auszuscheiden ist die ganze Gawangeschichte, welche etwa

* dieser aufsatz wurde geschrieben, als der verf. noch an einer übertragung und einrichtung des Parzival für die schule arbeitete, und die

N. jahrb. f. phil. u. päd. II. abt. 1885 hst. 1.

die hälfte des gedichts ausmacht. so viel schönheiten sie auch hat, so stört sie doch die einheit des ganzen empfindlich; sie kann recht gut als ein selbständiges gedicht erscheinen und hat für die entwicklung der geschichte Parzivals nicht die geringste bedeutung. sie wird zwar als ein vom dichter planmåszig gestaltetes gegenbild zu Parzival angesehen, aber das musz man erst hineininterpretieren : Wolfram selbst gibt davon nicht die geringste andeutung. soll sie aber blosz dazu dienen, Parzival in seinen inneren kämpfen unserm auge zu entrücken, so genügt dazu auch für den zweck der schule eine kurze erzählende inhaltsangabe mit hervorhebung und übersetzung der wenigen stellen, wo Parzivals irrfahrt berübrt wird. der weltliche glanz des rittertums aber, der hier besonders hervortritt, fehlt auch nicht in der eigentlichen geschichte Parzivals (z. b. der Artushof im sechsten buche), so dasz durch die ausscheidung dieser teile der dichtung in keiner beziehung etwas wesentliches genommen wird. aber auch in der eigentlichen geschichte Parzivals wird man noch kürzen können, so dasz die 25 000 verse des originals recht gut auf 8—9000 zurückgeführt werden, in denen alles charakteri. stische enthalten ist. um dies charakteristische nun aber auch wirk. lich treu wiedergeben zu können, scheint uns ein kübner schritt der bisherigen übersetzungsweise gegenüber nötig zu sein. das ist das aufgeben der reimpaare. will man sie beibebalten und nicht, wie Simrock, mittelhochdeutsche ausdrücke zu hilfe nehmen, so ist es unmöglich, dem original gerecht zu werden. gerade übersetzungen aus einer älteren sprachform in eine jüngere verlangen die gröste freiheit der bewegung, eine viel gröszere, als übersetzungen aus einer fremden sprache, die rücksicht auf ungezwungene und wohlklingende reime musz notwendig die treue in der wiedergabe des sinnes und der darstellungsart des originals empfindlich beeinträchtigen. und wendet man anderseits die gröszte sorgfalt auf den inbalt, so können gezwungene reime und geschmacklosigkeiten nicht ausbleiben, und diese vermögen den eindruck einer bedeutenden stelle völlig zu zerstören und schädigen daher ebenfalls den zweck der übertragung. die vorhandenen übertragungen liefern dazu die belege: selbst die auszerordentlich geschickte bearbeitung des Tristan von W. Herz hat den mangel, dasz sie - durch die reimpaare gezwungen -- den text oft allzufrei bebandelt, aber auch abgesehen davon fordert die immerhin notwendige rücksicht auf den modernen geschmack die vermeidung der reimpaare. wir dulden dieselben nur noch in kürzeren gedichten komischen oder doch leichteren inhalts; für einen folgenden ausführungen sollten die grundsätze, welche ihn dabei leiteten, von vorn herein darlegen und rechtfertigen. da sich jedoch der druck des aufsatzes unerwartet verzögerte, so ist diese schulausgabe des Par. zival, welcher er vorangehen sollte, inzwischen bereits erschienen (Berlin, Friedberg u. Mode), obwohl ich aber nunmehr auch in der vorrede za dem buche meinen standpunkt kurz entwickeln muste, so schien mir doch diese begründung nicht überflüssig zu sein, in diesem sinne bitte ich die folgenden ansführungen aufzunehmen.

der verf.

ernsten und tragischen stoff bilden sie unserem gefühl nach keine würdige form. und selbst wenn sie geschickt gemacht sind, ermüden sie in ihrer eintönigkeit unser obr und schwächen das interesse am inbalt. überhaupt erscheinen sie gerade in den übersetzungen nicht mehr als eine kunstform, sondern als ein leeres geklingel.

Gegenüber solchen unzuträglichkeiten kann das allgemeine bedenken gegen das aufgeben der dem original eigentümlichen form nicht ins gewicht fallen. es ist gewisz richtig, dasz der äuszere eindruck des originals mit dem aufgeben der reimpaare verloren geht, aber dieses opfer kommt dem inhalte in jeder beziehung zu gut; und wenn die übertragung etwas aufgeben musz, so ist diese äuszere form gewisz am leichtesten zu entbehren.

Es fragt sich aber, was nun an die stelle der reimpaare treten soll. man könnte an eine freiere reimstellung denken, wie sie San Marte in seiner übersetzung des Parzival gebraucht hat, oder auch an eine strophenform, etwa die terzine oder die octave. aber das hebt einerseits die unvollkommenheit, welche in der abweichung von der form des originals liegt, nicht auf, und anderseits wird für die freiheit der bewegung nicht viel gewonnen, deshalb scheint uns die angemessenste form das aufgeben des reimes überhaupt zu sein. dagegen müste das wesentliche des altdeutschen epischen verses, die vier bzw. drei hebungen, mit und ohne auftakt, beibehalten werden - schon um sich nicht unnötig weit von der form des originals zu entfernen und seine knappe ausdrucksweise möglichst zur geltung bringen zu können. Wir glauben demnach, dasz eine für die schule bestimmte übertragung etwa des Parzival ihre aufgabe am besten lösen würde, wenn sie sich auf das wirklich wesentliche be. schränkt, das ausgeschiedene kurz erzählt, die zu übersetzenden teile aber mit gröszter treue in vier- bzw. dreitaktigen versen wiedergibt, deren rhythmus, je nachdem der auftakt fehlt oder nicht, beliebig zwischen iambischem oder trochäischem masze wechselt und dadurch die wesentliche form des originals beibehält. BERLIN.

G. BÖTTICHER.

DER HÖHERE LEHRERSTAND UND DER DOCTORTITEL.

Das siebente heft des 129n und 130n bandes dieser jahrbücher enthält einen aufsatz von dr. Albert Gemoll in Woblau, der überschrieben ist: 'pädagogische streifzüge. I. das äuszere ansehen des höheren lehrerstandes.' – Jedes wort, welches für die sociale gleichstellung des akademisch gebildeten lebrers mit dem juristen gesprochen wird und aus der feder geht, ist dankes wert – schon allein wegen des dadurch zur geltung gebrachten princips – und so ver

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