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dient br. Gemoll sicherlich anerkennung für die absicht, der guten und gerechten sache nützen zu wollen. anderseits aber kann nicht übersehen werden, dasz einige seiner ausführungen und argumente so bedenklich sind und auf so schwachen füszen stehen, dasz es wahr. lich keines orkanes bedarf, sie umzustoszen oder doch mindestens stark in schwanken zu bringen.

Was will br. Gemoll mit dem satze sagen (1) 'ich unterschätze nicht den idealen zug, der darin liegt, dasz jemand, ohne alle rücksichten zu nehmen, rein seiner neigung folgt, bin auch kein blinder anbeter des goldenen kalbes, aber ich meine, dasz wir im allgemeinen fordern müssen, dasz unsere frauen in jeder beziehung sich mit den besten ihres geschlechtes messen können'? - Das 'in jeder beziehung' schmeckt doch, trotz aller verblümtheit, auffallend nach dem 'goldenen kalbe' und weist den jungen philologen' ziemlich unzweideutig auf die lucrative goldfischerei hin, wie sie von vielen juristen, von weitaus dem grösten teile der officiere oetrieben wird (richtiger: betrieben werden musz — aus standes- und repräsentationsrücksichten!). wenn hr. Gemoll diesen, an sich gewis nicht gutzuheiszenden wink gibt, so kommt er unbewust damit doch einem umstande sehr nabe, den er kaum erwähnt, obgleich gerade diesem der höhere lehrerstand in erster linie den mangel an ansehen verdankt: das ist die gehaltsfrage – der kern der ganzen sache! seine these (2) dasz sich das gleiche einkommen leichter erreichen liesze, wofern nur das äuszere ansehen das gleiche wäre', würde umgekehrt der wahrheit eher entsprechen: auch der sonst so 'feudale' jurist steht in dem falle beim groszen publicum nicht sonderlich in anseben, wenn er pecuniär ungünstig gestellt ist – wofür jeder bei spiele zu finden vermag.

Man suche also vor allen dingen bei den regierungen dahin zu wirken, dasz die akademisch gebildeten lehrer den richtern hinsichtlich der besoldung und des ranges nicht untergeordnet seien. wird dies erreicht, und ist ferner - wie einer meiner herren col. legen kürzlich bei besprechung dieses gegenstandes treffend hervor. hob – ist ferner, sage ich, erst einmal ein (ehemaliger) director einer höhern schule cultusminister, und arbeiten und bewähren sich in seinem ressort (teilweise heute schon!) so und so viele frühere 'magister', dann werden symptome der hebung des ansehens unseres standes nicht lange auf sich warten lassen. — Hier aber freilich gilt es ein festes zusammenhalten und energisches, durch einige vergeb. liche mühen nicht abzuschreckendes vorgehen des ganzen standes.

Das 'goldene kalb' im verkleinerten maszstabe ist demnach für uns gewis nicht so ganz bedeutungslos und ohne berechtigung, nur hätte br. Gemoll es nicht mit der zu wählenden hausfrau in verbindung bringen dürfen. — Nach diesen ebenfalls dem eingangs bezeichneten guten zwecke dienen sollenden bemerkungen gelange ich nunmehr zu dem einwand, den ich gegen den hrn, collegen G. ad vocem 'promotion erheben möchte.

In seinem artikel beiszt es (3) 'es ist in den letzten jahrzehnten fast sitte geworden, dasz die jungen philologen sich mit der staatsprüfung begnügen und die promotion unterlassen. der gründe zu dieser unterlassung bemerke ich zwei, einen innern und einen äuszern. einmal scheint es mir, als ob die jüngern philologen zum teil nicht mehr in dem grade sich in die wissenschaft einarbeiten können, dasz sie nun in freier thätigkeit den hebel ansetzen, um auch an ihrem teile den fortschritt ihrer wissenschaft zu fördern. zum andern sagt sich wohl mancher, dasz die erwerbung des doctortitels für ihn nutzlos ist, da er denselben im amte doch gratis erhält – und er liefert damit weiter nichts als den beweis, dasz ihm im hohen grade die sachkenntnis der einschlägigen verhältnisse abgeht!

Fassen wir zunächst seinen 'innern grund'ins auge. -- Zahlen führen die deutlichste sprache; ihnen werde das wort verstattet. ich babe mir nach programmen des verflossenen jahres die lehrercollegien von 404 höheren deutschen schulen (meist preuszischen und sächsischen) angesehen, und fand, dasz 82 (zweiundachtzig!) derselben von nichtdoctoren geleitet (!) werden. wo bleibt da — um dies hier gleich einzuschalten – der appell des brn. G. an die directoren (und schulråte), welche (4) 'darauf halten müsten, dasz alle akademisch gebildeten lebrer ihres aufsichtsbezirks (also auch ihrer schulen — d. v.) sich den doctortitel ewerben’?! — und ferner: rechnet br. G. jene 82 directoren etwa zu den jungen philologen', denen wissenschaftliche vertiefung so eclatant fehlt (oder fehlte), dasz sie (3) 'sich zum teil nicht mehr in dem grade in die wissenschaft einarbeiten können (oder konnten), dasz sie nun in freier thätigkeit den hebel ansetzen (ansetzten), um auch an ihrem teile den fortschritt ihrer wissenschaft zu fördern'?! – Die betreffenden herren mögen sich für das compliment bedanken. vielleicht aber ist mancher von ihnen (mit vielen andern collegen) der ansicht, dasz der lehrberuf vor allen dingen tüchtige pädagogen, tüchtige schulmänner verlangt, bei denen als solchen (und von ihnen handelt doch auch hr. G.) die qualification zur weiterförderung ihrer wissenschaft gewis erst an zweiter stelle hauptsache ist. was hilft dem schulmanne alle seine 'wissenschaft', wenn ihm das talent zu unterrichten mangelt? überdies sind doch auch 'wissenschaftlich (akademisch) gebildet sein' und 'die wissenschaft wirklich direct fördern' zwei sehr verschiedene dinge. - Wie es in dieser beziehung mit dem akademisch gebildeten praktischen juristen stebt, soll hier unerörtert bleiben.

Danach jedoch zurück zu der zahl!

Unter 89 programmabhandlungen aus allen an den höheren schulen gelehrten fächern befanden sich 28, welche herrühren von nicht-promovierten verfassern (technische lehrer natürlich hier nicht mitgerechnet), in deren reihe 'alte' professoren und oberlebrer sich befinden. gehören diese wiederum zu der kategorie wissenschaftlich unfähiger junger philologen’? – Doch wohl schwerlich!

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Schlieszlich wählte ich für meine statistik 77 beliebige schulen heraus und zählte an denselben über 400 akademisch gebildete lehrer ohne doctortitel; – wahrlich kein geringer procentsatz! allerdings haben wir es hier nicht mit philologen allein zu thun; aber das kommt gar nicht in betracht hrn. G. gegenüber, dem nach guter alter praxis (des publicums) akademisch gebildeter lehrer (schlechthin meist gymnasiallehrer genannt) und philologe identisch zu sein scheint. spricht er doch vom lebrerstande im allgemeinen und gedenkt dabei merkwürdigerweise weder des religionslehrers, noch des naturwissenschafters, noch des mathematikers, noch des historikers! – Auch davon blickt bei hrn. Gemoll nichts durch, dasz gerade früher, als die fälteren philologen' ibre examina machten, die doctorwürde an mehreren universitäten im verhältnis zu den wesentlich gesteigerten, fast allgemein gültigen anforderungen der letzten lustren oft ziemlich mühelos erworben wurde (mancher pharmaceut älteren datums ist ebenfalls doctor'). und weshalb die thatsache ignorieren, dasz viele dissertationen in ihrer existenz einigermaszen der eintagsfliege und dem schmetterling gleichen, da sie, die wissenschaft herzlich wenig 'fördernd', im staube der bibliotheken ungestört begraben liegen, und dasz anderseits eine nicht geringe zabl derselben sich aus staatsexamensarbeiten recrutiert?! – Damit wollen wir den 'innern grund des brn. Gemoll verlassen und zur betrachtung des 'äuszern' übergeben (s. cit. 3). — Hätte br. G. in collegenkreisen gründlich umfrage gehalten, so würde er wabrscheinlich ebenfalls zu der erfahrung gelangt sein, dasz dieser und jener 'jüngere pbilologe' die erwerbung des doctortitels unterläszt, da derselbe 'für ibn nutzlos ist', wohlverstanden aber nicht deshalb nutzlos, weil er denselben im amte doch gratis erhält' (s. cit. 3) – eine ebenso wenig schöne wie collegialische imputation! – sondern weil er die wahrnehmung gemacht hat, dasz der doctortitel dem lehrer wirklich so gut wie gar keine vorteile bringt, wie die moderne praxis lehrt (die wir nach hrn. G. wohl die 'schlechte' nennen müssen). – Eine wie grosze anzahl von ärzten gibt es heute nicht, die nicht- resp. 'gratis’-doctoren sind! — und vertieft sich denn der cand. med. so gar wissenschaftlich, um seinem namen das 'dr.' vorsetzen zu dürfen? – ibm erst recht gibt das grosze publicum so wie so diesen titel, auch wenn es weisz, dasz er nie 'promoviert' wurde; und er zöge sich schlieszlich den vorwurf der unböflichkeit zu, wollte er jedesmal, wenn ihn jemand wider besseres wissen 'herr doctor' anredet, unterbrechend dazwischen rufen 'pardon! doctor bin ich nicht'. - Ähnliches gilt von den lehrern obne doctortitel. viele dieser letzteren werden, wenn sie im amte sind, von der promotionsbewerbung sehr wahrscheinlich absteben, einmal wegen der recht hohen gebühren, und dann auch infolge mangels an zeit und musze um lange wissenschaftliche abhandlungen zu schreiben. gerade dem mit correcturen meist reichlich bedachten philologen - und zwar beson.

ders während der ersten jahre seiner berufsthätigkeit, da er sich erst technisch einarbeiten musz -- werden in seltenen fällen' übermäszig viele freistunden zur verfügung stehen, in denen er sich mit ruhe seiner wissenschaftlichen weiterbildung beieiszigen kann. dies möge man sich doch ja nicht verheblen!

Wir würden uns aufrichtig gefreut haben, wenn hr. Gemoll in seinem, von bester grundidee dictierten exposé mit der ihm eignen sprachgewandtheit und mit seinem eifer für die sache einen in letzter zeit von verschiedenen seiten uns zu obren gekommenen vorschlag gethan und warm befürwortet bätte, den nemlich, dasz, wenn anders dem doctortitel seitens des lebrerstandes so groszes gewicht beigelegt werden soll, sowohl die lehrer selbst, als auch vorzüglich die herren directoren und schulräte, denen doch sicher und gewis das äuszere ansehen ihres standes, des standes der ihnen unterstellten beamten, am herzen liegen musz, dasz - sagen wir - alle beteiligten mit nachdruck (durch massenpetitionen oder dergl.) danach trachten sollten, dasz den candidaten des böhern schulamts? nach günstigem ausfall ibres wahrlich nicht leichten und redliche arbeit, sowie vertiefung in den bezüglichen gegenstand erbeischenden examens der doctortitel gegen erstattung der unkosten für diplom usw. von der zuständigen facultät auf vorschlag der wissenschaftlichen prüfungscommission erteilt würde (s. die notiz über die als dissertationen eingereichten staatsexamensarbeiten !). schreiber dieser zeilen will dabei nicht einmal wünschen oder erwarten, dasz eine derartige bestimmung irgendwie rückwirkende kraft hätte, weil es ihm — dem selbst bis dato nicht 'promovierten' – fern liegt, hier. mit pro domo zu sprechen. – Dem doctoranden bliebe es anbeim gegeben, die in frage kommende abhandlung zu veröffentlichen. 3

Zum schlusz! – Es ist ebrensache eines jeden collegen das ansehen unseres standes nach kräften erhöhen zu helfen. in den zielen unserer bemühungen müssen wir alle einig sein und möglichst auch in den einzuschlagenden wegen, den zu ergreifenden mitteln; und wo der eine bierin irrt (humanum est!) oder fehl geht, da möge er dem andern, der ihn auf seinen error hinweist, deswegen nicht zürnen: kann doch klarbeit unsern zwecken nur förderlich sein.

1 ein bestimmtes contingent von probecandidaten ausgenommen.

? nichtschulmänner mögen nach dem jetzt üblichen modus promoviert werden. es handelt sich ja überhaupt hier nicht um einen maszgeb. lichen entwurf!

3 wir erinnern an dieser Stelle nebenbei daran, dasz die dissertationen der doctores iuris (ineist referendarexamensarbeiten!) wie bekannt nur zum geringen teile gedruckt werden. wie fördern diese also ihre wissenschaft? SONDERSHAUSEN.

JOHANNES MÜLLER.

5.
ÜBER DIE LECTÜRE DES NEUEN TESTAMENTS

IN EVANGELISCHEN GYMNASIEN.

Da die prophetischen und apostolischen schriften der bibel für die evangelische kirche als einzige norm der lehre anerkannt sind, da insbesondere das neue testament kern und stern unseres glaubens ist, so versteht es sich gewissermaszen von selbst, dasz die lectüre desselben für das evangelische gymnasium mittelpunkt des religionsunterrichts sein und im unterricht besonders berücksichtigt werden musz. ist es ja doch aufgabe des gymnasiums, seine schüler zu selbständiger erkenntnis der religiösen wabrheiten anzuleiten. wie könnte dies aber anders geschehen, als wenn man sie zur quelle dieser wahrheiten führt und sie anleitet, künftig obne fremde bilfe aus dieser quelle zu schöpfen. dagegen kann es zweifelhaft erscheinen, in welcher classe man eine zusammenbängende lectüre neutestamentlicher schriften beginnen solle. denn von der mitteilung einzelner biblischer geschichten, die natürlich die grundlage alles religionsunterrichts sein musz, ist bier nicht die rede, sondern von zusammenhängender lectüre einzelner schriften. nach langjähriger erfabrung halte ich es für angemessen die lectüre in untersecunda zu beginnen, gebe aber zu, dasz auch mit tertianern, wenn sie zu einer gewissen selbständigkeit im auffassen und denken gelangt sind, die sache ausführbar ist. die. gründe für den vorgeschlagenen anfangstermin werden sich aus dem weiteren gang dieses aufsatzes ergeben.

Nun entsteht die frage, welche schriften zu lesen seien. - Da die christliche religion eine historisch-offenbarte ist, so ergibt es sich, so zu sagen, von selbst, dasz man mit der lecture der evangelien zu beginnen hat. sollte man nun mit einer synoptischen zusammenstellung der evangelien beginnen? ich glaube nicht. denn auf einem solchen weg würden die schüler zwar die einzelnen begebenbeiten in einer chronologischen reihenfolge kennen lernen, aber sie würden in keinem evangelium recht zu hause sein und würden sich in der reihenfolge, die doch keine gegebene, sondern eine von dem lehrer gemachte wäre, nicht leicht zurechtfinden. ganz anders ist es, wenn man mit dem ersten und ausführlichsten evangelium, nemlich dem des Matthäus, beginnt, den inhalt jedes einzelnen capitels fest einprägt und zum schlusz die schüler anleitet -- was gar keine schwierigkeit bietet, sondern den schülern freude bereitet - die entsprechenden erzählungen in den andern beiden synoptischen evangelien zur etwaigen vergleichung aufzufinden, allerdings ist bei diesem gang erforderlich, dasz man zur ergänzung eine erklärung der eigentümlichen gleichnisse des evangeliums von Lukas auf das evangelium von Mattbäus folgen läszt. was das evangelium von Johannes betrifft, so möchte ich raten, entweder nur die ihm eigentümlichen erzählungen in cap. 3. 4. 11. 13. 17. 21 in gleicher

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