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steins teilnahme an denselben gebührte in wahrheit eine besondere darstellung. denn E. hat sie nicht blosz unausgesetzt besucht, sondern sie mit begründet, und wenn in diesem immer wachsenden vereine sich eine immer wachsende menge der schüler, freunde und bewunderer um ihn schaarte und die versammlungstage bald recht eigentlich seine ehren- und erntetage wurden, so waren sie doch auch immer tage der aussaat für ihn. er, er vor allen war es, der hier mitten unter dem spiele eines übersprudelnden witzes und humors die wichtigsten fragen anregte oder der entscheidung nahe brachte. über ziel und mittel, über methode und mängel insbesondere des gymnasialunterrichts wie der gymnasialzucht hat er da die beachtenswertesten gedanken oft zwar mehr angedeutet als entwickelt, aber eben damit zu eingehender vielseitiger prüfung anheimgegeben und in dieser 'weise schlieszlich auf reform und fortbildung des deutschen höheren schulwesens überhaupt einen mehr oder minder maszgebenden einflusz geübt, während er — ohne sich berechtigteren stimmen der zeit abweisend zu verschlieszen unerschütterlich zum banner der alten hielt.

Und nun nehme man zu dem allen Ecksteins schriftstellerische thätigkeit. sie war kaum weniger reich. denn haushälterisch selbst mit dem augenblicke, hat er sie schon früh begonnen und bei aller schwere obliegender pflichten zu keiner zeit davon gelassen, so dasz seine schriften gleichsam ebenso viele marksteine seines äuszeren und inneren lebens, im besten und wahrsten sinne gelegenheitsschriften sind. ich nenne hier, auf jede vollständigkeit verzichtend, als eine der ersten früchte seiner studien die im programm der latina von 1835 veröffentlichten 'prolegomena in Taciti, qni vulgo fertur, dialogum de oratoribus', in welchen er die frage nach dem (Taciteischen) ursprunge jener merkwürdigen reliquie mit eindringendem scharfsinn und sicherem sprachlichen feingefühl der lösung entgegengeführt hat. ich nenne weiter die abhandlungen zur jubelfeier Gottfried Hermanns (1840), zum 300 jährigen jubiläum der landesschule Pforta (1843), zur 3n säcularfeier der klosterschule Roszleben (1854), und indem ich seine ausgabe des 'chronicon montis sereni', seine fortsetzung von Dreyhaupts hallischer chronik nur erwähne und an seinen körnigen gehaltvollen reden zur gedächtnisfeier Schillers und Melanchthons vorübergehe, füge ich zunächst nur noch die 'anecdota Parisina rhetorica' aus dem jahre 1852, die 'analecten zur geschichte der pädagogik' (1861) und die beiträge zur geschichte der hallischen schulen' hinzu. die letzteren behandeln im dritten stück (1862) die Franckeschen stiftungen, und ihnen schlosz sich 1863 die festschrift zur 200 jährigen erinnerung an Franckes geburtstag ab: natalicia secularia A. H. Franckii'. was aber wäre nun- um von Ecksteins kaum zu übersehenden beiträgen für Ersch' und Grubers encyclopädie, für die hallische litteraturzeitung, für Jahns jahrbücher und andere zeitschriften zu schweigen - was wäre von seinen ausgaben des Nepos, Phädrus, Cäsar, des Cicero, Tacitus, Horaz und von seiner redaction der bekannten Beckerschen erzählungen aus der alten welt', der Echtermeyerschen gedichtsammlung u. dgl. hier noch weiter zu sagen, als dasz dies alles, alles im dienste der schule stand und aus ihm hervorgewachsen war?

So hatte er überallhin die lebendigen, belebenden fäden gezogen, da traf ihn 1863 eine berufung nach Leipzig, als rector der Thomasschule. andere, sebr ehrenvolle, waren schon vordem an ibn ergangen. er hatte sie abgelehnt, denn wie den Franckeschen stiftungen, so fühlte er sich der vaterstadt je länger, je mehr mit allen banden des herzens verbunden. hier in Halle hatte er die gattino gefunden und hier

4 die treffliche frau gieng dem gatten um fast anderthalb jahrzehnte voraus. sie starb, wie er vom schlage getroffen, auf einem besuche bei den geschwistern in Halle.

war ihm ein glückverheiszender kranz von kindern erblüht, hier umgaben ihn mitstrebende freunde und verbündete; hier, wobin er blickte, begegnete ihm anerkennung und verehrung. dennoch entschlosz er sich, dem ihm gewordenen antrage zu folgen, was ihn nach längerem zögern zuletzt dafür entschied, habe ich nicht weiter darzulegen. aber wenn es ihm ein hoher antrieb sein muste, sich den namen M. Gesners und J. A. Ernestis zu gesellen, so war ein anderes, kaum minder gewichtiges moment das entgegenkommen der Leipziger universität, die ihn, nachdem die annahme des rectorats zur gewisheit geworden, in auszeichnender weise zu dem ihrigen machte, so dasz ihm damit der wohl schon seit langem stillgehegte wunsch auch ab altiore cathedra zu wirken sich erfüllte. im herbste 1863 trat er an die spitze der altehrwürdigen schule, und gleichzeitig als auszerordentlicher professor in die philosophische facultät. in eben dieser doppeleigenschaft, als schulmann und akademischer docent, ward er dann 1/2 jahre später bei begründung des königlichen pädagogischen seminars (neben dem unterzeichneten) zum director desselben und zwar für die philologische section bestellt, und endlich zum mitglied der königl. wissenschaftlichen prüfungscommission ernannt.

Ecksteins glänzende erfolge auch an der Thomana und das herzliche verhältnis zu amtsgenossen und zöglingen hat sein nachfolger, prof. dr. Jungmann wiederholt und zuletzt am tage der bestattung mit aller innigkeit der pietät geschildert; seine wirksamkeit an der universität aber charakterisierte an derselben stätte in markiger, geist. voller gedrungenheit der freund und college des verstorbenen, geh. rat prof. dr. Ribbeck. indem sich erwarten läszt, es werde diesen beredten zeugnissen der zuständigsten autoritäten noch irgend eine weitere öffentlichkeit gegeben werden, glaube ich mich auf wenige bemerkungen beschränken zu dürfen. die akademischen vorlesungen Ecksteins, zumeist der erklärung lateinischer classiker, insbesondere des Cicero und Horaz, aber auch der gymnasialpädagogik gewidmet, fanden allezeit zahlreiche eifrige zuhörer. es mag kaum ein philolog von Leipzig gegangen sein, der nicht eines seiner collegien oder sein seminar besucht gehabt hätte; und dasz er namentlich im letzteren die kunst, in der er vor allen meister war, dasz er das omnes omnia docendi artificium' (mit Comenius zu reden) fortwährend in wort und beispiel vor augen stellte, bestätigt bereits ein gauzes geschlecht unserer gymnasiallehrer.

Neben dieser angestrengten arbeit des amtes und meist mit ihr hand in hand gieng auch in Leipzig die des schriftstellers. ich sage nichts von seinen programmen, nichts von seinen gelegenheitsschriften (die er wohl selber als trápepra betrachtete, so viel geist und witz sie bargen); wohl aber musz ich wenigstens seines 'nomenclator philologorum' und seiner monographie über die geschichte und methodik des lateinischen unterrichts (2r abdruck 1882) gedenken. der erstere, ganz eigentlich mitten aus Ecksteins humanistischen studien hervorgegangen, erschien 18715: ein werk des minutiösesten sammelfieiszes und der strengsten akribie, dessen ganzer wert für die geschichte der wissenschaft zwar nur von dem fachgelehrten, von diesem aber auch um so dankbarer geschätzt werden mag. die zweite der genannten schriften, ursprünglich im nachtrag der Schmidschen encyclopädie veröffentlicht, hat der verfasser mit stolzer bescheidenheit als einen versuch' bezeichnet. allein er hat in diesem versuche die forschungen und erfahrungen von jahrzehnten niedergelegt und gleichsam die edelste auslese seiner studien gegeben. sei es immerhin, dasz die überschwellende

s ein lexicon philologischer autoren von der aera des humanismus bis auf unsere zeit, das nabezu an 5000 namen (darunter auch anhangsweise in einem nomenclator typographorum die von etwa 140 buchdruckern) enthält.

fülle des stoffes nicht allenthalben gleich willig der gestaltenden kraft sich füge oder dasz einzelnes streitig bleibe: das buch als ganzes ist und bleibt eines der bedeutendsten auf dem gebiete der gesamten betreffenden litteratur. hier in gründlichster weise vom altertum selbst anhebend und unermüdeten, unverdrossenen sinnes seinem gegenstande auf den irren spuren des mittelalters nachgehend, fübrt er die geschichte des lateinischen unterrichts mit fester hand und freiem blick durch die jahrhunderte der renaissance und der reformation, des pietismus und der aufklärung bis auf die gegenwart herab, und ebenso hat er hier nun auch allenthalben einen solchen schatz treffender gesichtspunkte und urteile über charakter, bildungsgehalt und behandlung der einzelnen schulautoren ausgeschüttet, eine solche menge feiner winke über das lateinsprechen und -schreiben, über lateinische versification usw. mitgeteilt, dasz es wahrlich nur eben der gerechtigkeit entspricht, wenn man dies buch als eine grundlegende, als eine grosze leistung bezeichnet.

Derart hat E. bis zu seinem 7in lebensjahre gearbeitet und gewirkt. und gleicherweise ist er noch immer alle den ansprüchen, welche im übrigen kirche, staat und gesellschaft an ihn stellten, mit gewohnter hingebung und geistesfrische nachgekommen. denn nie hat, meines wissens, krankheit ihn angefochten, und vom roste des alters war nichts an ihm zu spiiren, als er am 6 januar 1881 die fünfzigjährige jubelfeier seines lehramts begieng, stand und sprach er stundenlang vor den huldigenden schaaren der schüler, freunde und genossen, wie in unverwelklicher jugend. es schien, dasz das seltene fest ihm ein bürge und bote neuen langen segens werden solle. zwar das munus scholasticnm, dessen glück er ebendamals beim mable so begeistert gepriesen, legte er nieder. aber seine thätigkeit an der universität und seine schriftstellerische arbeit pflegte er weiter mit ungeschwächter kraft und ungemindertem erfolg, bis er am ende die vorlesungen auf die gymnasialpädagogischen beschränkte. sein einst so leicht beschwingter fusz versagte ihm allmählich den dienst, die hand der treuen tochter muste ihn stützen, und so blieb er denn, obschon er noch am 29 septbr. zum fünfzigjährigen stiftungsfeste der höheren töchterschule des Waisenhauses in Halle erschien, von der philologenversammlung in Giessen zurück schmerzlichst vermiszt, wenige wochen noch, da senkte der genius leicht und leise seine fackel.

In kurzen schlichten zügen habe ich den kreis dieses reichen lebens zu umschreiben versucht. vieles ward nur berührt, vieles und mehr noch übergangen. aber andere, hoffe ich, werden die lücken ergänzen und uns auch das reichere, vertieftere bild seines charakters zeichnen. mir erschien der entschlafene vor allem als ein mann des maszes vom wirbel bis zur zeh; seine heitere weisheit, sein edles wohlwollen, neben dem doch immer die gewissenhaftigkeit des gelehrten und der ernst der beamten stand, seine fähigkeit auch die vorzüge und verdienste anderer freudig anzuerkennen, hielten ihn von jeder leidenschaft frei“, und wenn nach urchristlicher überlieferung unser herr einst zu den jingern gesagt hat «αγαθοί έστε τραπεζίται', s0 ist er ein solcher haushalter und schatzmeister gewesen in alle wege, und was er gesammelt und gesopnen, gestrebt und geschaffen, das wird in unauslöschlicher erinnerung und weiterfruchtendem segen bleiben.

6 eine leidenschaft hatte er doch, aber eine schöne: die für bücher. sein ganzes leben lang hat er an seiner bibliothek gesammelt, die denn auch, besonders in ihrem reichtum an humanistischer litteratur, geradezu unvergleichlich sein mag. übrigens - und dies wird nicht allen bibliophilen Dachgerühmt - verlieh E. selbst seine seltenheiten mit unbeschränkter liebenswürdigster liberalität. LEIPZIG, 22 novbr. 1885.

Herm. Masius.

ZWEITE ABTEILUNG FÜR GYMNASIALPÄDAGOGIK UND DIE ÜBRIGEN

LEHRFÄCHER

MIT AUSSCHLUSZ DER CLASSISCHEN PHILOLOGIB

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. HERMANN MASIUS.

71.
FRANZÖSISCHER ELEMENTARUNTERRICHT

NACH PERTHES.

Die historische gestaltung des lateinischen unterrichts ist in neuster zeit besonders klar und präcis von Lattmann nachgewiesen worden in seinem lehrreichen aufsatz die combination der methodischen principien in dem lateinischen unter. richt der unteren und mittleren classen'.' er zeigt dort, wie der humanismus bis in den anfang unseres jahrhunderts fortwährend einen realen halt im leben hatte, zuletzt noch durch seine enge beziehung zur blüte unserer litteratur, wie dann nach dem authören dieses realen haltes die gymnasien gezwungen wurden, um die gefährdete stellung der classischen Sprachen zu sichern, auf die methode des lateinischen und griechischen unterrichts sorgfältig zu achten, und wie ganz naturgemäsz, da das latein nicht mehr selbstzweck, sondern ein bildungsmittel geworden, der unterricht mehr und mehr zum formalismus bingeneigt habe.

Nicht minder einleuchtend bat Lichtenheld? nachgewiesen, dasz das latein hauptsächlich der formalen bildung wegen zu lehren sei und dasz eben deshalb die 'wissenschaftliche oder die auf reichlichem übersetzen aus dem lateinischen ins deutsche und aus der muttersprache ins lateinische beruhende übersetzungsmethode der sog. 'natürlichen' vorzuziehen sei. ich führe hier eine stelle dieses interessanten werkes an, weil sie dasselbe ganz besonders charakterisiert und mit der folgenden erörterung in naber beziehung steht: nachdem s. 81 entwickelt worden, wie die verteilung der er

1 programm von Clausthal 1882.

2 in seinem auf umfassenden sprachphilosophischen studien beruhenden werke 'das studium der sprachen insbesondere der classischen und die intellectuelle bildung', Wien 1882. N. jahrb. f. phil. u. päd. II. abt. 1885 hst. 12.

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scheinungen nach begriffen in den alten sprachen eine wesentlich andere als im deutschen ist, wie der nach der wissenscbaftlichen methode erteilte unterricht den lernenden fortwährend auf diese differenzen hinführt und ihn zwingt, seinen eignen auf zufälligen erscheinungen beruhenden begriffsinbalt zu zerlegen und zu regeln, so dasz aus den unklaren individuellen begriffen wohl geordnete begriffsganze entstehen, fährt er s. 82 fort: 'wir wollen zeigen, wie durch das sprachstudium, wenn es nach einer bestimmten methode betrieben wird, mehr als wie durch irgend eine andere disciplin, auf dem wege der bewustmachung ein wissen gescbaffen wird, an dem alle andern wissenschaften fast achtlos vorübergeben oder das sie doch nicht energisch genug aus der unbewustheit zu heben vermögen, und das doch für die allgemeine erhebung des geistes und für seine befähigung, nicht nur den differenzierungsprocess im reiche des abstracten fortzusetzen, sondern überbaupt nur in diesem heimisch zu werden, von der höchsten bedeutung ist. bewustmachung ist das mittel geradezu, in die begriffe eine solche teilung und gliederung zu bringen und damit eine solche reizbarkeit des ganzen und der teile zu stiften, dasz sowohl die möglicbkeit, zu neuen erkenntnissen verbindungen einzugeben, als auch die fertigkeit gesteigert wird, da erst fein und subtil zu appercipieren, wo der ungeordnete begriff mit seinem schwingenden inhalt mit blödem auge plump über die sache herfällt. die erscheinungen, die in endloser fülle rasch an der seele vorübergleiten, suchen gleichsam nach hervorragenden punkten in ibr, die die möglichkeit darbieten, sie aufzubalten und in den besitz der seele binüberzuziehen. das gilt sowohl für das sinnfällige wie für das abstracte. für jenes durcb feine und reiche beobachtung, durch ordnung und gliederung die seele in die erforderliche verfassung zu setzen und die nötige reizbarkeit zu schaffen, dafür sorgen eine ganze reihe von wissenschaften. für das abstracte aber erfüllt diese bedingung in erster linie der sprachunterricht, und müsten wir diese studien aufgeben, die fähigkeit, auf diesem gebiet, worauf doch alles höhere menschentum berubt, sich zu tummeln, würde verkummern, ja allgemeine entartung wäre die folge.'

Mit diesen worten ist das endziel des sog. wissenschaftlichen lehrverfabrens und zugleich der schärfste gegensatz zu dem natürlicben ausgesprochen: auf scharfes erfassen der einzelnen worte und formen, fortwährende vergleichung der lateinischen und griechischen begriffsbildung mit der des schülers, auf bewustmacbung der unterschiede kommt es an. ob auf diesem wege oder durch das von Perthes geforderte unbewuste verstehen der vom lebrer vorübersetzten sätze die formal bildende kraft des lateinischen wirken könne, ist wohl nicht zweifelbaft. 3

3 dasz Perthes' theoretische schriften auszerordentlich lebrreich und anregend sind, ist unzweifelhaft. die wirkung derselben zeigt sich schon allein darin, dasz die neusten lateinischen übungsbücher besseren über

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