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durfte, diese Wahrnehmung führt zu dem unabweisbaren Schlüsse, dasz der dichter im vorhergehenden nicht von eüiem besondern, sondern vom meere im allgemeinen geredel hat. demnach ist Bruttium in v. 578 falsch, welches aus Here. II 654 Bruttia coro pulsante fretum lenior unda est hier eingedrungen sein kann, statt dessen wird ursprünglich ein eine eigenschaft des meeres bezeichnendes beiwort gestanden haben; welches, läszt sich freilich nicht entscheiden: denn der möglichkcilen sind hier viele, sicher aber ist, dasz durch änderung jenes einen wortes aller anstosz beseitigt wird und mithin jede tilgung unnötig ist. — V. 590 f. liest man alla, quae navis timuit secare \ hinc et hinc fusts spatiosa velis. der Flor, hat spetiosa d. i. speciosa. das sieht mir nicht wie ein bloszer Schreibfehler für spatiosa aus, vielmehr halte ich speciosa für die richtige lesart. der begriff des groszen fahrzeugs im gegensalz zum nachen ist bereits durch das wort navis so wie durch die hinc et hinc fusa vela hinreichend ausgedrückt, und speciosa passt offenbar besser zu velis als spatiosa. auch Tro. 830 ist wol zu lesen urbibus centum speciosa Crete, worauf wieder der Flor, hinweist, der spaciosa bietet (spatiosa die übrigen hss.). man vergleiche stellen wie Hör. epist. I 16, 45 speciosum pelle decora, Tac. ann. Ill 55 opibus domo paratu speciosus. an der stelle der Troades hat, wie ich nachträglich sehe, schon Peiper (addenda s. XLVIl) an speciosa gedacht.

V. 632 quis hie nefandi est conscius monslri locus? wird in der besten hs. noch dem boten in den mund gelegt, einzig richtig, denn er ist offenbar der abschlusz des ganzen, v. 627—631 durch eine reihe speciellerer fragen (Argos . . Scythae?) ausgedrückten gedankens: 'bin ich in einem civilisierlen lande oder unter barbaren?' und nimt die erste frage quaenam isla regio est? wieder auf, dieselbe bestimmter fassend, sehr verkehrt gibt R., den schlechteren hss. folgend, diesen vers dem «höre, welcher vernünftiger weise nur fragen könnte cuius hic nefandi est с. т. 1.? denn dasz die schandthat von welcher der voller entsetzen aus Atreus bürg herausgeeille hole spricht, in Mycenae verübt worden und nicht etwa im lande der Scythen oder golt weisz wo, darüber konnte der chor doch sicherlich nicht in zweifei sein. — V. 788 hätte R. nicht patefiant aus dem Flor, aufnehmen sollen, was nichts als Schreibfehler ist. der sinn der ganzen stelle fordert gebieterisch das von A gebotene futurum: vgl. v. 784. —■ V. 893 f. können die worte pergam et inplebo palrem funere suorum unmöglich richtig sein, da ja Thyestes bereits bei dem grausigen mahle sitzt, etwas anderes ist es, wenn Atreus v. 983, bevor er dem bruder seine that enthüllt, auf dieselbe anspielt mit den zweideutigen Worten totumque turba iam sua inplebo patrem. auf diese worte wird sich bei gehöriger Überlegung niemand berufen wollen, um die lesart der hss. an unserer stelle zu verlheidigen. es dürfte aber allerdings sehr schwierig sein hier eine emeudalion ausfindig zu inachen, welche den überlieferten buchslaben nahe stände, dem sinne würde entsprechen p. e. i. p. sanguine suorum d. i. 'wie ich Thyestes das fleisch seiner kinder zum mahle vorgesetzt habe, so will ich ihm nun auch ihr blut zu trinken geben', wie es in der that nachher geschiebt. — V. 915 schreibt R. statt regumque regem nach dem Flor. regum alque regem, was ich nicht billigen kann, denn erstens scheint mir que nach den vorausgehenden werten caehtum excelsissimum dem .sinne nach angemessener, und sodann ist es höchst unwahrscheinlich (l.jsz Seneca, der atque wie auch ac sonst niemals nachstellt (s. meine obs. crit. s. 11 und dazu Lucían Müller jahrb. 1867 s. 64), sich hier, wo es so leicht zu vermeiden war, die Umstellung dieser partikel gestattet haben sollte, ich glaube dasz alque im Flor, versehen des Schreibers ist. — Zu v. 919 wird hoc haec mensa cludatur scypho als lesart des Flor, angeführt, während doch J. F. Gronov ausdrücklich bemerk! dasz diese hs. hoc hoc biete, doch ist jenes allerdings das richtige, wie schon Gronov gezeigt hat.

Das anapäslische lied v. 923—973, welches wir bisher gewohnt waren als ein von Thyesles allein gesungenes anzusehen, hat hr. R. zwischen diesem und dem chore geteilt, und zwar in der weise dasz ein von dem letzlern eröffneter strophischer wechselgesang entsteht, bewogen hat ihn hierzu zunächst der umstand dasz der Flor, nicht nur in der Überschrift dieser scene die worte Chorvs. Thyestes bietet, sondern auch in dem canlicum selbst an vier stellen eine personenbezeichnung hat, nemlich Thy. vor v. 942 und 969, und сно. oder сноп, vor 946 und 965. nach der ftichlerschen anordnung der scene indessen würde im ganzen ein zehnmaliger Wechsel der person stattfinden, wie völlig verkehrt diese neuerung ist, liegt so offen auf der band, dasz ich kein wort weiter darüber verlieren würde, käme es mir nicht darauf an auch an diesem beispiel zu zeigen, in welche ahgründe eine kritik geräth, der es viel mehr auf herslellung einer eingebildeten formalen harmonie ankommt als auf sinn, Zusammenhang und innere Übereinstimmung, der chor also, welcher in der vorausgegangenen langen scene v. 623—788 durch einen boten von der schrecklichen that des Atreus die ausführlichste künde erhallen hat, der nicht nur weisz dasz die söhne des Thyestes grausam ermordet sind, sondern auch dasz deren fleisch dem unglücklichen valer zum mahle vorgesetzt worden, derselbe chor soll hier den Thyesles auffordern sorglos der freude sich hinzugeben und seinem brader mit vertrauen entgegen zu kommen! wie reimt sich das zusammen? oder hat jemals der chor in einer antiken tragödie eine so heuchlerische rolle gespielt? nur andeuten will ich, wie unpassend v. 966 démens im munde mycenischer unlerthanen sein würde, ist denn aber nach der eiuriebtung des ganzen Stückes ein auftreten des chors in dieser scene überhaupt möglich? wie kann dieser, der so eben noch auszerhalb der königsburg des herausgeeilten boten beruht anhörte, mit einem male im innern des saales erscheinen, in welchem Thyestes einsam bei tafel sitzt und den Atreus jetzt erst (v. 905), um sein auge an dem anblick des unglücklichen zu weiden, hat öffnen lassen? zum überflusz lehren endlich die unserer scene unmittelbar vorausgehenden und auf dieselbe vorbereitenden worle des Atreus v. 921 f. ecce, iam cantus ciet festasque voces, dasz nur Thyesles es ist welcher das canlicum singt, wie diesen klaren Worten gleichsam zum höhne hr. R. den chor das canticuin sogar hat he g innen lassen können, das ist vollends unbegreiflich. — Die crwähnung des chors in der Überschrift dieser scene Im Flor, und der in demselben codex viermal stattfindende Personenwechsel verlieren dem gewichte solcher gründe gegenüber natürlich alle und jede bedeutung: das sind blosze versehen des Schreibers dieser hs. oder des ihr zu gründe liegenden originals, hat sich doch R. selbst genötigt gesehen die verse 946 1Г., welche die hs. dem chore gibt, vielmehr dem Thyestes zuzuweisen, an einer der angegebenen vier stellen, an welchen der Flor, personenbezeichnung hat, läszt sich die entslehung des fehlers noch heule deutlich erkennen: vor v. 942 hat sich Thy. dadurch -eingeschlichen, dasz Thyesten unmittelbar vorhergeht. — V. 1008 wird ganz falsch zwischen amplexus und paler interpungiert: paler ist nicht vocativ, sondern nominativ. — V. 1023 muste unbedingt die vortreffliche emendation Gronovs exilia aufgenommen werden, welche R. nicht einmal erwähnt: vgl. Here. 1230. das hsl. exilia ist unsinnig; wenn Baden meint, dies sei gesagt für nos exitiosos, perniciosos, so ist diese erklärung unmöglich wegen des dabei stehenden nostra, statt dessen etwa haec stehen uniste. — Im folgenden verse hätte der Schreibfehler des Flor, iacel für iaces nicht in den text gesetzt werden dürfen. — Nach v. 1057 wird ohne allen grund eine lücke von einem verse angenommen.

Die gegebenen proben genügen, denke ich, vollauf, um das kritische verfahren der hgg. nach den verschiedenen seilen hin zu beleuchten und meine oben ausgesprochenen behauplungen zu rechtfertigen, es wird die erste aufgäbe des künftigen herausgebers dieser tragödien sein müssen, den texl von den massenhaften willkürlichkeilen und Verunstaltungen wieder zu befreien, welche eine bodenlose kritik in denselben eingeführt hat. der groszen menge dieser inlerpolationen gegenüber isl die zahl der annehmbaren Vermutungen eine sehr geringe.

Mehr verdienst haben sich die hgg. durch den beigebrachten kritischen apparat erworben, sehr willkommen sind besonders die vou ihnen zuerst veröffentlichten excerpte im Thuaneus und die in ihrer ausgäbe vorliegende neue collation des Florenlinus, wir ersehen aus dieser letzteren — und es war dies bei dem standpunete, auf welchem die philologische Wissenschaft zu J. F. Gronovs Zeilen stand, nicht anders zu erwarten — dasz dieser gelehrte eine ziemlich grosze anzahl von Varianten der von ihm aufgefundenen hs. unerwähnt gelassen hat, offenbar weil sie ihm ohne belang zu sein schienen, darunter auch viele durch versehen des Schreibers entstandene corruptelen (vgl. z. b. Thy. 496. 498. 507. 544. 564. 566 usw.). übrigens sind wir auch durch Peters obwol dankenswerte vergleichung über den text des Flor, doch noch lange nicht so genau unterrichtet als notwendig wäre; sogar in manchen wichtigeren fällen läszt uns dieselbe im stich, es steht zu hoffen dasz durch die vollständige Veröffentlichung der von 0. Ribbeck angefertigten collation, von welcher bis jetzt nur sehr weniges bekannt geworden, die übrig gebliebenen zweifei gehoben werden, wie denn diese collation auch da den ausschlag geben wird, wo die angaben Gronovs und Peters sich widersprechen, z. b. Here. 527. 1182. Thy. 616. 658. Неге. II 1799; vgL auch Thy. 1109. — Am meisten ist die von den hgg. benutzte collation der orthographie zu gute gekommen, welche von Gronov fast nirgends berücksichtigt worden war und sich in arger Verwahrlosung befand; hier haben die hgg. in der that viel gesäubert, recht verdienstlich ist der index orthographicus am ende der ausgäbe, durch welchen wir über die Schreibung der Wörter im flor, meist genaue mitleilungen erhalten, die trefflichkeit dieser handschrift zeigt sich auch auf diesem gebiete, ich hebe nur einiges wenige daraus hervor, besonders auch um ein par Ьешегkungen daran anzuknüpfen, so hat der Flor, immer harena und harundo, fast immer umerus und итог; immer cetera, cena, paelex oder pelexr autumnus. artus, quoliens, totiens, conubia. ferner steht im Flor, (ebenso in einem Rehdig. und in dem einen der beiden Golhani) überall Clytemeslra: s. s. 323 (im index orlh. ist das wort nicht verzeichnet); vgl. über diese latinisierte form Fleckeisen fünfzig artikel s. 13 und Ritschi opuscula II s. 497 f. 517 f. an drei stellen bietet der Flor, die durch die hss. des Plautus, Lucretius, Vergilius und anderer gesicherte Schreibung bracchium, welche mit recht aufgenommen worden ist. derselbe codex hat stets richtig quiequam, aber auch immer fehlerhaft quiequid: dasz diese falsche Schreibung des relalivpronomens durchgängig im texte der neuen ausgäbe erscheint, ist sehr zu verwundern; man hätte erwarten dürfen dasz den hgg. eines lateinischen Schriftstellers Lachmanns bemerkung zu Lucr. s. 286 nicht unbekannt sei. die bei Plautus vorkommende form surrupere oder vielmehr subrupere für surripere, welche der Flor. Agam. 299 bietet, haben die hgg. nicht aufzunehmen gewagt, ich glaube indessen dasz man dieselbe getrost dem Seneca vindicieren darf, da die ganz analoge form exsulire noch bei Vergilius (georg. HI 433) vorkommt und das in der Zusammensetzung durch Schwächung aus a entstandene u bekanntlich in vielen Wörtern, wie aueupor amenito usw. für alle Zeiten sich erhallen hat (Fleckeisen in diesen jahrb. bd. 60 [1850] s. 252 und Corssen ausspräche usw. I s. 314). die abgestumpfte forra pos, welche neuerdings auf grund der hss. auch in den lexl des Vergilius eingeführt worden ist, bietet der Flor, vor Wörtern welche mit t anlauten, mehrfach, nemlich Phoen. 215 (577), Phae. 945, Med. 303, Oed. 1077; und Tro. 160 weist der Thuaneus darauf hin, indem er poterga hat (über den Flor, fehlt hier eine bestimmte angäbe), nur an deu beiden letzten stellen steht die kürzere form im texte der ausgäbe (und zwar in einem worte posterga geschrieben, was unnötig), an den drei übrigen ist post aus versehen beibehalten worden (s. addenda s. XL VI f.). die bei Seneca häuGg vorkommenden contrahierten perfeetformen auf í nnd tí, wiejjei«, redi, petit, redit und andere, sind im Flor, meist richtig geschrieben, dieselben stehen bei Seneca in der regel am. schlusz der verse, besonders der señare, viel seltener inmitten des verses vor consonanten (s. de emend. Sen. trag. s. 9 f.). für die frage, ob sich Seneca der kürzeren formen auch vor vocalen bedient habe, kommen nur drei stellen in betracht: Here. 248. 325. Tro. 816. an der ersten stelle bietet der Flor, nach Peter die contrahierte form petit ab ipsis, und Peiper hat dieselbe aufgenommen, an der zweiten hat die lis. die längere form abiii, und so P. im text, an der letzten stelle endlich hat P. ebenfalls die form mit doppeltem í in den text gesetzt: hier scheint er über das was im Flor, steht nicht unterrichtet gewesen zu sein, allein diese Ungleichheit in der behandlung dieser drei völlig analogen fälle will mir nicht gefallen, und ich meine dasz überall entweder die formen mit doppeltem t beizubehalten oder die contrahierten herzustellen waren, dies letztere aber möchte vorzuziehen sein, nicht blosz darum weil an der einen stelle in der besten hs. wirklich petit steht, sondern auch deshalb weil Seneca, der, wie bemerkt, die contrahierlen formen überhaupt häufig braucht und zwar auch vor consonanten, gar keinen grund haben konnte dieselben vor folgendem vocal zu vermeiden, woselbst ihr vorkommen am natürlichsten ist. was das verbum desse betrifft, so steht im Flor, an zwei stellen (s. index orth. s. 570) richtig derat. die fehlerhaften formen mit doppeltem e sind von den hgg. mitunter stehen gelassen worden, so Here. 504. Thy. 717. was die aphaeresis des stammvocals von est und es anbelangt, so weisen noch im Flor, vereinzelte spuren darauf hin: so Tro. 1072 die corruptel Hecuba est für Hecubae est, entstanden durch falsche auflösung von Hecubaest; Here. Oet. 1260 cruoris fflr cruore es. eine genaue durchforschung der hs. nach dieser seite hin würde wol noch mehr belege dafür zu tage fördern.

Das allenthalben zerstreute kritische material der früheren in einer ausgäbe vereinigt zu finden war ein längst gefühltes bedürfnis. die hgg. sind demselben zwar entgegengekommen, aber leider nicht mit solcher genauigkeit und Sorgfalt, dasz wir uns unbedingt auf sie verlassen könnten, man vermiszt in ihrer adn. crit. gar manche Varianten, selbst des Flor., und auch an irlflmlichen angaben fehlt es nicht, für beides habe ich schon oben gelegentlich mehrere bcispiele angeführt, und die zahl derselben liesze sich leicht vermehren, mitunter stöszt man auch auf ahweichungen von dem früheren texte, ohne dasz darüber elwas mitgeteilt würde, so z. b. steht Thy. 123 domus im texte, während die früheren ausgaben domos haben; ebd. 227 wird über das aufgenommene huius, was, so viel ich weisz, nur alte conjeelur für cuius ist (vgl. Bolhe zu d. st.), nichts bemerkt, dasz die hgg. nicht die ganze menge der von den verschiedensten seilen vorgebrachten conjecluren unter dem texte zusammengestellt haben, wird ihnen niemand verargen, die auswahl aber hätte eine bessere sein sollen, hierbei will ich nicht unterlassen auf eine dem eingeweiheten leicht erklärliche inconsequenz der hgg. hinzuweisen, dieselben pflegen, wo zwei gelehrte die nemliche Vermutung vorgebracht haben, beide zu nennen: vgl. z. b. Here. II 540. 1838. Thy. 1088. sich selbst nehmen sie von dieser regel keineswegs aus: so wird Oct. 297 eine conjeelur Lucían Müllers auch als Vermutung Peipers angeführt; ebd. v. 585 sagt br. R.: 'fidesque conieci cum Nie. Heinsio', und ähnlich hr. P. Here. Oet. 49: 'scripsi cum Ascensio.' dagegen wird in den par fällen, wo ich mit einem andern unwissentlich zusammengetroffen bin, mein name totgeschwiegen, nun, nicht mir haben die herrén damit geschadet, sondern nur sich selbst, an einer stelle übrigens, Here. Oet.

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