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Einleitung.

I.

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ercy's Reliques, die editio princeps und die Varianten der

späteren Originalausgaben, sollten von mir mit „allen nur wünschenswerten und nötigen Beigaben“ neu herausgegeben werden, und unter den Beigaben sollten nicht nur die Materialien zur Kritik der Texte und meine Anmerkungen zu den einzelnen Stücken, sondern auch die alten Singweisen mit inbegriffen werden. Ein bedauerliches Missgeschick traf die Verlagsbuchhandlung kurz nachdem die „erste Hälfte dieser meiner Ausgabe als Nr. 6 der von Professor Karl Vollmöller herausgegebenen Sammlung „Englischer Sprach- und Literaturdenkmale des 16., 17. und 18. Jahrhunderts“ im Jahre 1889 erschienen war. Die „erste Hälfte“ enthielt nur zwei Drittel des Textes der editio princeps mit einem „vorläufigen Vorwort“, Seite 1–534 der pun hier vorliegenden Ausgabe, und die Bogenweiser 1-33 tragen daber noch den Namen der Sammlung, in der sie erschien. Wie die übrigen Nummern der auf diese Weise unterbrochenen Sammlung, lag nun die erste Hälfte“ einige Zeit stille, ein nutzloses Bruchstück, ein Gegenstand der Enttäuschung für die vertrauensvollen Käufer. Als mir daher vor Jahresfrist ein anderer Verleger unverhofft und unerwartet den ehrenden Antrag machte, die Ausgabe der Reliques zu beenden, hielt ich es für meine Plicht, schon allein den Käufern der ersten Hälfte gegenüber, die Aufgabe zu Ende zu führen. Nach den bisher gemachten Erfahrungen aber hielt ich es zugleich nicht weniger für meine Pflicht, nicht mir, sondern dem Herrn Verleger gegenüber, ihm vorzuschlagen, vorläufig nur die Ausgabe selbst mit dem unerlässlichen Apparate zu wagen, da die mannigfaltigen „nur wünschenswerten Beigaben“ den Umfang bedenklich angeschwellt hätten. Sachverständige werden begreifen, dass ich mir selbst damit einen schlimmen Dienst geleistet, sie werden aber ebenso

begreifen, warum ich so handeln zu sollen glaubte. Auf diese Weise ist wenigstens eine, wie ich hoffe, verlässliche und handliche Gesamtausgabe des Percyschen Textmaterials zum erstenmale geboten, eine Ausgabe, nach der man für litterärgeschichtliche und sprachgeschichtliche Zwecke bequem citieren kann, eine Ausgabe, die in ihrer gefälligen Ausstattung auch weiteren Kreisen von Liebhabern englischer und deutscher Litteratur willkommen sein könnte. Um die Brauchbarkeit des Buches zu erhöhen, sind Register und ein litterarischer Index (Register IV) ausgearbeitet worden; einen Motivenindex musste ich mir hier vorläufig, wie jede weitere eigene Zuthat, aus Rücksicht auf den Umfang versagen. Meine Anmerkungen zu den einzelnen Stücken, eine eingehendere Erörterung über das Verfahren Percy's in der Wiedergabe und Kritik seiner Texte sollen hoffentlich in nicht zu ferner Zeit ebenso wie die alten Singweisen in besonderen Heften nachfolgen; die im „vorläufigen Vorwort“ zar , ersten Hälfte“ angekündigte „kurze Einleitung über die englische Volksliederlitteratur im allgemeinen und die Stellung der Reliques in der englischen und deutschen Litteraturgeschichte im besonderen“ hat indes Professor Brandl durch eine meisterhafte Skizze der englischen Volkspoesie, in Pauls Grundriss der Germanischen Philologie, Strassburg, Trübner, 1892, S. 837 bis 860 einigermassen entbehrlich gemacht.

Es ist aber hier die gewiss vielfach auftauchende Frage zu beantworten, ob denn überhaupt für eine solche Neuausgabe ein Bedürfnis vorlag. Das, was die gewöhnlichen Ausgaben weggelassen haben, ist ja verhältnismässig nicht viel, und sie bieten dafür meist den ganzen Inhalt der Ausgabe letzter Hand; und die Ausgabe letzter Hand gilt ja sonst in der Regel als die wertvollste. Die wichtigsten Varianten hätte man vielleicht in einer Zeitschrift veröffentlichen können, u. dgl. m. Demgegenüber ist zunächst hervorzuheben, dass die litterärgeschichtliche Bedeutung der Reliques nicht jener erweiterten und veränderten Gestalt, wie sie sich in den gewöhnlichen Ausgaben abgedruckt findet, zukommt, sondern den älteren Ausgaben, vor allem der ersten, dann der zweiten und dritten. Schon das rasche Aufeinanderfolgen der zweiten Auflage (, 1767) auf die erste (a, 1765) abgesehen von dem Dubliner Nachdruck 1766 – mag dies erläutern; den Erfolg eines Buches

beweist der Zeitraum in dem es vergriffen wird '); erst 8 Jahre später kam die dritte (7, 1775), und erst 20 Jahre später (è, 1794) die vierte 2), die Ausgabe letzter Hand; und obwohl diese durch den Umfang ihrer Erweiterungen wohl Anspruch auf besondere Beachtung machen durfte, schien doch erst 1812 eine fünfte Auflage (8) nötig geworden zu sein. Die Reliques hatten durch die gewaltige und weitgehende Anregung, die sie geboten, so viele Veröffentlichungen anderer zur Folge gehabt, dass sie selbst ihre wichtige Rolle in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts mehr und mehr ausgespielt hatten; auf den stürmischen Enthusiasmus folgte die nüchterne Kritik, und macht die erste Ausgabe den Eindruck eines naiven und mutigen Vorstofses in einer neuen Richtung, bei dem man trotz aller Mängel die Gelehrsamkeit und Umsicht des Herausgebers bewundern musste, so erscheint die Ausgabe letzter Hand vielfach wie ein verdi sslicher Rückzug, trotz all des gelehrten Ballastes, und zeigt den Herausgeber nicht mehr auf der Höhe seiner Zeit. Die Anschauungen über litterarhistorische und kulturhistorische Fragen, so wie sie sich in der ersten Auflage von 1765 niedergelegt fanden, und im Zusammenhange damit die von Percy als alte Volkslieder vorgeführten Gedichte waren es, die in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren die englischen Litteraten und Poeten tiefeindringend beeinflussten und bekanntlich nicht weniger auf Deutschland einwirkten. Walter Scott erzählt uns von seiner ersten Bekanntschaft mit den Reliques zu einer Zeit, wo er nur eine der drei ersten Ausgaben gehabt haben konnte; Herder besass und benutzte die zweite Ausgabe, und es ist bezeichnend, dass der bekannte Frankfurter Nachdruck von 1790 den Text der ersten Ausgabe (1765) enthält. Ein Neu

1) Zudem erschien im selben Jahre ein Separatabdruck der Essays: Four Essays, as improved and enlarged in the second edition of the Reliques of Anc. E. P. viz. I. On the Ancient E. Minstr. II. On the Anc. Metr. Rom. III. On the Orig. of the E. Stage. IV. On the Metre of P. P. V. MDCCLXVII. (Brit. Mus. 11621. c. 18.)

2) Ein Sonderabdruck des Essay on the Origin of the English Stage, der Seite für Seite mit ò übereinstimmt und nur zu Anfang und zu Ende sich durch ein paar redaktionelle Worte davon unterscheidet, erschien, wie es scheint, schon 1793: An Essay ... stage Particularly on the Historical Plays of Shakspeare. MDCCXCII. (Brit. Mus. 687 g. 31.)

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druck der ersten Ausgabe, dieser geschichtlich so bedeutsamen Erscheinung, dürfte daher an sich seine Berechtigung haben, zumal da die alten Drucke schon zu den Raritäten gehören.

Doch es ist nicht allein diese geschichtliche Stellung der Reliques, die eine neue Ausgabe, welche auf die alten Originalausgaben zurückgeht, wünschenswert erscheinen lässt. Die in verschiedenen Formaten und Ausstattungen verbreiteten Ausgaben für die Bedürfnisse des grossen Lesepublikums sind, was nicht zu verwundern ist, vielfach recht fehlerhaft. Auch der Laie will nicht nur ein angenehm gedrucktes Buch, sondern er will auch keinen unverständigen Unsinn darin haben. Zu den verbreitetsten modernen Ausgaben der Reliques dürften wohl die Tauchnitz Edition in 3 Bänden, und die Prichard's in Bohn's Standard Library in 2 Bänden gehören, abgesehen von der Willmott's (Routledge), die nicht vollständig ist und daher nicht in Frage kommen kann. Besonders die Tauchnitz - Edition habe ich ziemlich eingehend verglichen und führe im folgenden zur Charakteristik eine Reihe Versehen an: die zwei Verse aus Piers Plowman in unserer Ausgabe S. 802, Z. 10-11, sind in der Tauchnitz Ed. ganz gedankenlos aus der Fussnote, zu der sie gehören, gerissen und an das Ende der betr. Einleitung, wo sie gar keinen Sinn haben, angeschlossen, was sowohl Fussnote als Text unverständlich macht. Das C in dem Worte Cogger 866, 15 wurde schon in Ô wohl wegen der Verschnörkelung der gotischen Schrift irrtümlich zu einem T; Togger heisst aber gewiss gar nichts, es kann nur ein Fehler sein; dieser findet sich unverbessert in der Tauchnitz Edition, bei Prichard und auch bei Wheatley, ebenso in den Ausgaben von Gilfillan (Edinburgh 1858) und Charles Cowden Clarke (Cassell Petter & Galpin, London, Paris, and New York, 3 vols. 0. J.), und es wäre nicht unmöglich, dass dieses “Ghost-word" nächstens irgend ein Wörterbuch schmückt; 875, 9 hat è statt des richtigen fiestas den Druckfehler siestas, den Tauchn. Ed. und Prichard ebenso wie Wheatley, Gilfillan, Clarke unbedenklich nachdrucken; 906, 30 wurde sonde nicht verstanden, daher wohl für Druckfehler gehalten und zu londe geschlimmbessert, so Prichard, Tauchnitz Edition. Der Name des Dramatikers Richard Flecknoe 111, 7 wurde in ò zu Flecknor verdruckt: 80 beibehalten bei Prichard, Tauchn. Ed.; 915, 30 wurde bei dem Citat Thoresby's Ducat. Leod. (d. h. Ducatus

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